Ich bin wieder in Delmenhorst. Die Stadt wird mein Quartier für ein paar Tage Cebit. Von hier aus sind es gut 90 Bahnminuten zum Messegelände und viel dichter sind zahlreiche bezahlbare Privatzimmer rund um Hannover auch nicht. Zudem ist die (kostenlose) Einliegerwohnung im Haus der im Skiurlaub weilenden Schwiegereltern eindeutig ein komfortables Cebit-Domizil, jedenfalls allemal bequemer als das Privatzimmer in Hannover im vorigen Jahr, wo mitten in der Nacht das Gästebett unter mir zusammenbrach. Nun bin ich kein Federgewicht, aber das war das bislang erste und einzige Bett, das ich durch bloses Darinliegen zum Einsturz brachte.
Ein unerwarteter, zeitkritischer Auftrag, der unbedingt noch heute erledigt werden wollte sorgte für die nächtliche Anfahrt. Nicht schön, drei Stunden von Düsseldorf nach Delmenhorst bei Dauerregen auf der A1, aber auf diese Weise konnte ich mich so ab Münster erstmals seit Jahren wieder mit dem Nachtprogramm von NDR 2 konfrontieren.
Nicht uninteressant. Tatsächlich könnte man sagen NDR 2 macht nach 22 Uhr wieder so etwas Ähnliches wie Radioprogramm. Tagsüber hat sich dieser einstmals hörenswerte Sender ja in so eine Art Dauer-Klangbrei verwandelt, bestehend aus Top40- Titeln, eingestreuten Oldies, nervigen Jingles und der minütlichen Versicherung, dass man nun das Beste aus den achtziger und neunziger Jahren und von heute zu hören bekomme.
Doch nach 22 Uhr dürfen öffentlich-rechtliche Musikredakteure offensichtlich wieder Programm machen. Die Sendung nannte sich Soundcheck und spielte eine unkonventioenellle Musikmischung, die vor allem dadurch bestach, dass Namen der Künstler und Titel der Stücke genannt wurden, dazu Hintergründe zu den jeweiligen Stilrichtungen, die nicht nur den Presseinfos der Plattenfirmen enstprangen. Und für meine Ohren wirkliche Neuheuten. Vorgestellt wurde zum Beispiel eine Mariha mit ihrem Debütalbum Elementary Seeking. Das war richtig gut. Dann wurde in einem Newcomer-Forum sogar Musik von Bands vorgestellt, die gar keine Plattenfirma haben. Am besten gefiel mir da übrigens die Gruppe Sprottenrock mit dem Stück I.F.L.K.T. (Internationaler Frauen und Lesben-Kampftag). Und so was auf dem so staatstragenden NDR 2. Ich erinnere mich noch gut daran, dass der NDR seinerzeit Jeanny von Falco boykottiert hat. Und jetzt Lesben-Kampftag. (Soviel zumStichwort “das Beste aus den Achtziger Jahren”, ihr Geschichtsfälscher)
Jetzt wird gerade die neue CD von Rosenstolz vorgestellt. Das ist eindeutig konventioneller, aber das bringt mich gut ins Bett.
Fremder Senf