Der abgebrochene Student, ehemalige Science-Fiction Autor und lange Zeit hochbezahlte, selbsternannte Zukunftsforscher Matthias Horx hat die Geographie entdeckt. Leider kann ich hier nur aus zweiter Hand darüber berichten, da Horx von seinen Prognosen leben muss und deshalb 16,60 Euro für seinen Zukunftsletter verlangt, die ich nicht ausgeben möchte, nur weil das Medienorakel mal was über Geo-Anwendungen verlautbart. Es gibt ja Leute, die halten Horx für einen Scharlatan, der sein Auskommen eigentlich auf der Spätschiene einiger Privatsender fristen sollte, in der er Anrufern erklärt, welche neuen Megatrends ihr künftiges Sexualleben bestimmen.
Besonderns gelungen fand ich, wie sich Horx kurz nach den Anschlägen des 11. September 2001 in der FAZ über den Megatrend Terrorismus ausbreiten durfte. Quintessenz seiner damaligen Ergüsse: Entweder wir bekommen jetzt den Dschihad, oder aber die Welt wächst in der Krise zusammen oder sie zerfällt in Wohlstandsinseln oder es beginnt ein Hochsicherheitszeitalter, am wahrscheinlichsten sei aber eine Mischung aller vier Möglichkeiten.
Das sind endlich mal präzise Vorhersagen, die nach den Terroranschlägen ein bisschen..äh..überbezahlt erscheinen. Im gleichen Jahr hat er in der Welt auch erklärt, warum das Internet kein Massenmedium wird.
Das mal vorab.
Nun also die Geographie unter der Überschrift:
“Geo-Web: Wie digitale Landkarten und geokodierte Hypermedien derzeit Internet und Werbemarkt revolutionieren.”
Hmja, okay, das Internet wird also wieder mal revolutioniert. Ein Artikeldienst fasst die weiteren Ausführungen Horx dann zusammen. Und da wird munter alles zu einem Trend verquirlt und als Neuigkeit verkauft, was es zum Teil schon seit ein paar Jahren gibt: Dass Immobilenportale zum Beispiel ihre Angebote mit Stadtplänen verknüpfen (sen-sa-ti-o-nell!!!), dass Navigationssysteme auch dreidimensionale Daten darstellen (darüber veröffentlichte ich am 4. März 2002 (!) schon mal einen Artikel), dass Restaurants und Tankstellen im Display dargestellt werden (ganz toll neu) oder dass man in Google Earth Punkte markieren und einer Community zur Verfügung stellen kann.
“Eine neue Generation von Online-Kartendiensten, mobilen Geräten mit Ortungsfunktion, Ortsdaten-Software, ortsbezogenen Diensten und Online-Geodatenverzeichnissen erzeuge gigantische Informationsmengen über reale Räume und Orte”, lautet Horx zusammenfassende Erkenntnis. Und welche Schlussfolgerung zieht der Guru daraus?
“Die Suchmaschine von morgen werde die Intention des Fragestellers kennen. So könnten Unternehmen neue Kunden identifizieren, lange bevor diese überhaupt wissen, was sie kaufen wollen.”
Vielleicht bin ich ein wenig kleingeistig, aber den Zusammenhang kann ich nicht herstellen. Wieso kennt die Suchmaschine von morgen meine Intention? Wäre ja interessant zu erfahren, wie das gehen soll, aber das wird hier einfach mal unbegründet in den Raum geworfen. Übrigens: Kunden ohne konkreten Kaufwunsch, aber mit gewissen Konsumwahrscheinlichkeiten zu identifizieren, ist für die Jungs zum Beispiel von Microm seit Jahren ein alltägliches Geschäft.
Dann noch ein kleiner handwerklicher Fehler.
“Der Dienst Virtual Earth nutze das Web, um einen ‘Geo-Organizer’ anzubieten. Zu den Satellitenbildern kommen Features wie ein Notizblock, auf dem Anmerkungen zu den betrachteten Orten hinterlegt werden können. So könnte der Dienst zur mächtigen Konkurrenz für die derzeitigen Giganten werden”, heißt es angeblich im Zukunftsletter.
Schade nur, dass mit Microsoft hinter Virtual Earth einer der derzeitgen Giganten steckt, denen man angeblich Konkurrenz machen wird. (Auf welchem Geschäftsfeld eigentlich?)
Fazit: Ein Cocktail aus alten Hüten und bekannten Fakten, den ein Zukunftsforscher hier als neuen Trend verkaufen will. Die Vorhersage, dass die beschriebenen technischen Entwicklungen neue Geschäftsmodelle mit sich bringen, halte ich zudem für eine eher banale Erkenntnis, so lange die neuen Modelle nicht exakt beschrieben werden. Das kann Horx (natürlich) nicht.
Fremder Senf