Vor einigen Jahren in den Zeiten der New Economy gab es auf dem Nachrichtenkanal n-tv so ein kleines bärtiges Männchen mit Knopf im Ohr, das immer ganz atemlos berichtete, welche Aktie sich wie entwickelt hat. Es erinnerte mich stets an einen gehetzten Radio-Sportreporter, der das spannende Sekunden-Finish eines 5000-Meter Laufes kommentiert oder ein überaus spannendes Fußballspiel, bei dem beständig die Führung wechselt. Mit fortschreitender Sendezeit wurde auch der Kopf des Männchens immer roter und der Stakkato-Stil, mit dem die Börsenmeldungen von ihm ausgespuckt wurden, immer hektischer. Am Ende war es eigentlich egal ob das Männchen Aktienkurse mitteilte oder die Ergebnisse von Pferderennen, zumal ohnehin ständig von irgendwelchen “Rallies” die Rede war. Mit Wirtschaftsjournalismus hatte das jedenfalls nicht viel zu tun.
Inzwischen hat dieses kurzatmige Stichwortgehuste auch andere Felder der Berichterstattung erreicht, etwa den Politikbetrieb. “Deswegen werden politische Zusammenhänge auch nicht gern erklärt, das dauert zu lange. Stattdessen wird jeder politische Vorgang in das immer gleiche Raster eingeordnet: Wer gegen wen? Wer ist Sieger, wer Verlierer? (…) Wo Politikberichterstattung zum Sportreport verkommt, der nur Sieg und Niederlage kennt, bleibt die Darstellung der bisweilen hochkomplexen Handlungsbedingungen auf der Strecke.” Ein Befund von Hajo Schumacher im Deutschlandradio.
Jetzt ist in dieser Hinsicht auch das geplante europäische Satellitennavigationssystem Galileo unter die Räder gekommen. “Testphase: Galileo greift GPS an” titelt die Computerwoche in bester Sport/Kriegs-Diktion und ein vielfach abgedruckter dpa-Bericht kündigt an “Galileo soll GPS Konkurrenz machen”.
Warum jetzt diese Beiträge? Es gab Ende vorigen Jahres einen Einladung an die versammmelte Journaille, sich das Galileo-Testgelände in Berchtesgarden mal anzusehen. So eine Einladung habe ich auch bekommen, aber das passte zeitlich grad nicht. Deswegen kann ich auch nicht sagen, was da tatsächlich erzählt wurde, aber da ich die Herren von GATE relativ gut kenne, vermute ich mal, dass vorzugsweise sachlich, um nicht zu sagen, eher dröge über das Vorhaben referiert wurde. Davon, dass man die “Vormachtstellung des GPS brechen will” war wahrscheinlich weniger die Rede. Abgesehen davon wurden solche Argumente nach meiner Erinnerung vornehmlich vor rund sieben bis acht Jahren ventiliert, als es um die grundsätzlichen Weichenstellungen für oder gegen Galileo ging.
Aber nunja, die eigentliche Nachricht dieser Veranstaltung, dass nämlich für eines der wirtschaftlich und politisch bedeutendsten europäischen Projekte die entscheidenden Feldtests in Deutschland stattfinden, reicht eben nicht mehr aus. Berichterstattung heute braucht den Gegner, den Kampf, den Gewinner, die Niederlage, die Emotion. In einer Gesellschaft des Körperkults sickern die Gesetzes des medieninszenierten Sports einfach in jeden Bereich hinein. Sei es Politik, Wirtschaft, Technik oder Wissenschaft.
Fremder Senf