Das Großprojekt Europäische Satellitennavigation Galileo ist mal wieder in der Diskussion. Aber es scheint mehr als das europaübliche Gezerre um Geld und Einfluss zu sein. Diesmal scheint das Projekt ernsthaft in Schwierigkeiten zu sein. Betroffen ist der Kern der Umsetzungsidee, das nämlich ein privater Konzessionär das System für die EU betreibt. Das Problem: Den Konzessionär gibt es (immer) noch nicht. Unter langwierigen Geburtsqualen hat sich zwar ein Industriekonsortium aus acht (!) Unternehmen gebildet, aber laut verschiedener Pressemeldungen gibt es nach Angaben von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee – derzeit EU-Ratspräsident der Verkehrsminister – bis heute trotzdem keine arbeitsfähige Führungs- und Organisationsstruktur dieses Konsortiums, was nebenbei die Frage aufwirft, mit wem Galileo Joint Undetaking (GJU) bis zu seiner Auflösung Ende vorigen Jahres eigentlich über die Konzession verhandelt hat.
Dass die Politik der Industrie den alleinigen schwarzen Peter zuschiebt, ist im übrigen ein bißchen verlogen. Zur Erinnerung: Ursprünglich sollte der Konzessionär in einem Wettbewerb ausgewählt werden. Dabei blieben am Ende zwei Bewerberkonsortien übrig, die beide sagen wir mal “politisch unkorrekt” zusamengewürfelt waren: An einem war kein italienisches Unternehmen beteiligt, an dem anderen kein Deutsches. Ohnehin war eine deutsche Beteiligung nur indirekt durch EADS gegeben. Da aber nun Firmen beider Länder unbedingt beteiligt werden mussten (Stichwort: Rückfluss europäischer Mittel), hat die Kommission ordentlich Druck gemacht den beiden Konsortien vorgeschlagen, sich zusammen zu tun und ein gemeinsames Angebot vorzulegen. Gleichzeitig hat vor allem Deutschland darauf gedrungen, direkt beteiligt zu werden und dazu das Firmenkonsortium TeleOp auf die Beine gestellt. An TeleOp sind T-Systems, erneut EADS, die DLR und die Förderbank Bayern beteiligt. Keiner dieser TeleOp-Gesellschafter ist wirklich als privatwirtschatlich im Sinne von staatsfern zu bezeichnen. TeleOp ist sozusagen in letzter Minute als achtes Unternehmen in das Konzessionärs-Konsortium aufgenommen worden.
Man kann also mit guten Gründen sagen, das gesamte Konstrukt des Konzessionärs ist letzlich nur durch politischen Druck zustande gekommen. Im Prinzip verließ die EU den Pfad privatwirtschaftlicher Tugend, als man nicht einem der weitgehend außerhalb der politische Sphäre (soweit das bei dem Theme überhaupt möglich ist) entstandenen Bewerberkonsortien den Zuschlag gab, sondern anfing politisch motivierte Firmenallianzen zu schmieden. Dabei entstanden Strukturen, die den Beteiligten jetzt als arbeitsunfähig auf die Füße fallen. Schon bei TeleOp herrscht nach meinem Eindruck aus einigen Kontakten mit den dortigen Verantwortlichen vor allem die Maßgabe optimaler Risikovermeidung im Sinne des jeweiligen Gesellschafters, was sich am ehesten dadurch erreichen lässt, dass man weitgehend nichts tut. Das dürfte in dem gesamteuropäischen Konsortium nicht anders aussehen. Ob vor diesem Hintergrund ein jetzt von dem EU-Parlamentarier Ulrich Stockmann ins Spiel gebrachter “Galileo-Beauftragter” hilft, muss sich noch zeigen.
Völlig unbeachtet von diesem Streit gibt es hinter den Kulissen auch noch technische Schwierigkeiten, mit entsprechenden Konflikten über die Verantwortung. Hieß es offiziell lange, der zweite Testsatellit Giove B starte in diesem Frühjahr (was bereits eine Verzögerung gegenüber dem eigentlichen Zeitplan darstellt) ist man jetzt schon früh, wenn das Teil überhaupt noch dieses Jahr in die Umlaufbahn kommt. Der Grund sind Fehler im Bordcomputer und Schwierigkeiten mit der neuen Atomuhr. Dem vernehmen nach bezweifeln mittlerweile einige Offizielle der EU, das das frisch umbenannte Firmenkonsortium ESN Industries (zuvor Galileo Industries) den Bau des Satellliten überhaupt hinbekommt und haben nach einem Bericht des Magazins GPS-World schon mal bei dem Auftragnehmer von Giove A Surrey Satellite Technology angefragt, was denn ein zweiter Satellit dort kosten würde.
Wird der Auftrag tatsächlich neu ausgeschrieben, wäre das eigentlich der Supergau für die bei ESN Industries zusammnegeschlossenen Unternehmen, die pikanterweise auch alle an dem Konzessionärs-Konsortium beteiligt sind. Kann man deren Unvermögen dort mit der politischen Vorgeschichte noch erklären (nicht entschuldigen), geht das beim Satellitenbau nicht mehr. Blickt man jetzt noch etwas über den Tellerand auf die übrigen Vorgänge bei EADS, einem der wichtigsten Player in diesem ganzen Konzert, muss man wohl diagnostizieren, dass die europäische Luft- und Raumfahrtindustrie derzeit in ihrer schwersten und existenziellsten Krise ist – und dass die Politik daran fleißig mitgestrickt hat.
Fremder Senf