Mein Kirchentag 2007

11. Juni 2007 | Von ttm | Rubrik: Am Wegesrand, Moralapostel, Selbstgespräche

Auch wenn andere so ihre Schwierigkeiten mit den Protestanten im Allgemeinen oder dem Kirchentag im besonderen haben – ich mag den Kirchentag. Und ich fand reichlich Fotomotive.

Okay, bei manchen Programmankündigungen wird einem schon mal anders – („Liebe Grüße von Emily – 40 Kinder spielen, singen und tanzen durch die letzten Tage der krebskranken Emily, Kindermusical der Ev. Kirchengemeinde Wissen”) – aber da muss man ja nicht hingehen, womit sich wiederum katholisch sozialisierte Kommentatoren schwer tun, die so gern die Beliebigkeit des evangelischen Kirchentages beklagen. Aber das ist mir nun wiederum beliebig egal.

Machen wir es mal chronologisch, also, mein Kirchentags-Tagebuch:

Erster Tag Mittwoch:
Abend der Begegnung. Meine allgemeine Begeisterung für den Kirchentag als solchen wird regelmäßig gedämpft durch meine allgemeine Abneigung gegen Massenveranstaltungen. Das ist immer ein fürchterlicher Spagat, der jedesmal in dem (vergeblichen) Versuch endet, irgendwie in Randbereichen und antyizyklisch an solchen Veranstaltungen teil zu nehmen. Also war ich nirgendwo auf den zentralen Plätzen in der Altstadt, sondern am Musical-Dome startend stadtauswärts den Rhein entlang bei der, nunja, christlichen Fressmeile mit viel selbstgemachten Kuchen und Grillwürstchen. Ein großes Gemeindefest mit der in Köln so seltenen Abwesenheit gröhlender Altstadtgestalten. He(e)rrlich.

Zweiter Tag Donnerstag:
Da gibt es kein vertun, muss sein: Godspell. Kann ich nicht erklären, muss ich auch nicht, hat was mit Nostalgie und eigener Jugend zu tun und geht eigentlich auch niemanden was an. Nachmittags dann eine Diskussion „Armes reiches Deutschland“ über arm und reich und Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Mit Peter Bofinger, Meinhard Miegel, Friedhelm Hengsbach, Annelie Buntenbach und Hubertus Heil reichlich Prominenz auf der Bühne, aber auch viele bekannte Meinungen. Für mich noch am einprägsamsten: Paul Schobel, Pfarrer und Betriebsseelsorger, der sehr wütend kritisierte, dass sich mittlerweile kirchliche Einrichtungen wie etwa die Diakonie mit ihren Krankhäusern und Altenheimen zur Marktwirtschaft bekennen. „Ich wusste nicht, dass der Markt ein Glaubensbekenntnis verlangt und schon gar nicht, das kirchliche Dienste dies abgeben müssen.“

Am Abend dann doch hinein in die Masse: „Die Macht der Würde – Globalisierung neu denken“. Der „Ruf an den G8-Gipfel“ auf dem Roncalliplatz. Ich persönlich weiß nicht, wo der Kommentator des Kölner Stadtanzeigers an diesem Abend war, aber offenbar nicht beim Kölner Dom. Oder – positive Annahme – er hat einfach nur Schwierigkeiten mit den bisweilen etwas spielerischen Ritualen eines evangelischen Kirchentages. Sein Problem.

Dritter Tag Freitag:
Erhard Eppler spricht über „kulturelle Heimat“. Ein 80-jähriger greift in seinen Erfahrungstopf und zieht manche Ankedote hervor. Er verknüpft Kindheit mit Politik, macht deutlich wie Heimat zugleich Geborgenheit und Ausgrenzung bedeutet, unterscheidet scharf zwischen Heimat und Vaterland und zieht seinen Hut vor allen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – eine zweite Heimat erarbeitet haben oder erarbeiten mussten. Er genieße das Privileg wieder in jenem Haus leben zu dürfen, dass er als Achtjähriger bewohnte und könne da nicht mitreden.
Danach kurzer Gang über den Markt der Möglichkeiten. Am SPD-Stand ist Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, aber auf spontane Fragen zum Thema Galileo Navigationssystem will der gerade vom EU-Verkehrsministerrat zurückgekehrte auf dem Kirchentag nicht reagieren. Kann ich fast verstehen, aber auch nur fast.

Den Nachmittag füllt die Diskussion „Hartz aber fair?“ unter anderem mit Arbeitsminister und Vizekanzler Franz Müntefering. Aber die Anwürfe und Fragen aus dem Publikum bringen die Sache nicht weiter. Jeder trägt sein Problem vor, es wird alles ein bißchen klein-klein. Und ein Trupp Verdi-Leute nervt mich ungemein. Die Damen und Herren Gewerkschafter haben so ihre Schwierigkeiten mit der Diskussionskultur auf dem Kirchentag und tun sich schwer mit der Erkenntnis, dass sie hier nicht jeder toll findet. Grundsätzlich mit 10- bis 15-Mann/Frau Trupps entern sie fahnenschwenkend die Veranstaltungen, verteilen Flugblätter und eigentlich fehlen nur die Trillerpfeifen. Das alles dient dem Ziel des gesetzlichen Mindestlohns, vom dem so getan wird, als seien damit alle sozialen Probleme gelöst. Antworten aus dem 19. Jahrhundert für die Fragen des 21. ist man versucht eine Klischeeklatsche abzusondern. Bis zum Kern der Diskussion dringt man jedenfalls nicht vor: Nämlich mal darüber nachzudenken, wie Gesellschaft ohne Vollbeschäftigung funktioniert. Stattdessen tun alle so, das dieser Zustand wieder eintritt und bis dahin muss man die Sozialleistungen irgendwie finanzieren und darüber kann man ja trefflich streiten: wie hoch und wie lange Arbeitslosengeld I und II und Mindestlohn ja oder nein usw. Die werden sich alle noch wundern.

Dann doch lieber Wolfgang Schäuble. Der diskutiert mit dem ägyptischen Religionsminister Mahmoud Hamdi Zakzou über die säkularisierte Gesellschaft. Schon erstaunlich: Während der ägyptische Politiker Ungeheuerlichkeiten absondert („andere Religionen als der Islam sorgen wenn sie öffentlich agieren in islamischen Staaten für verwirrende Gedanken und stiften Unruhe“) und es deshalb für einen Ausweis von Toleranz hält, wenn in Ägypten die christlichen Kopten ihre Religion hinter verschlossenen Türen ausüben dürfen, bleibt Schäuble seltsam zahnlos. Dabei ist der Mann doch sonst nicht um Eindeutigkeiten verlegen. Hab mich jedenfalls gefragt, wann er nun endlich das Stempelkissen rausholt, um Zakzous Fingerabdrücke einzusammeln. Ausreichend fragwürdig-antidemokratische Äußerungen gab es jedenfalls. Ganz nebenbei: Bei Schäuble gab es Taschenkontrollen, bei Müntefering nicht obwohl letzterer als Vizekanzler protokollarisch höher einzuordnen sein sollte. Der Innenminister hat in Sicherheitsfragen offenbar wirklich ein persönliches Problem.

Vierter Tag: Sonnabend
Norbert Lammert und Daniel Cohn-Bendit sollen über das Thema „Politische Heimat“ diskutieren. Tun sie aber nicht, sondern sind ganz schnell beim Thema „multikulturelle Gesellschaft“. Das war möglicherweise vorhersehbar. Cohn-Bendit zelebriert geradezu lustvoll sein Bekennnis zum Atheismus, was die Zuhörer aber nicht schreckt. Als guter Protestant weiß man schließlich, das so jemand schon im Leben seine Strafe gefunden hat, muss er doch ohne Glauben eine nackte und armselige Existenz fristen, hat also seine Hölle bereist auf Erden. Cohn-Bendits Koketterie mit der Unterwelt („Als ich die Einladung bekam, habe ich mich gefragt, brauchen die einen Satan, oder was soll das?) verfängt also nicht so recht, sondern verrät allenfalls katholische Sozialisation. Die ganze Diskussion ist dank zweier Vollblutrhetoriker sehr unterhaltsam, aber bringt (mir) eigentlich keine neuen Erkenntnisse.

Am Dom dann ein echtes Kontrastprogramm: Naturally7, amerikanische Acapella-Soul-Gruppe macht den Wise Guys deutlich, wo der Hammer hängt. Dann noch ein bisschen flanieren, Motorradgottesdienst und Rheinpromenade, bevor es mir am Abend sowohl bei der Nacht der Lieder, wie auch bei den Bläck Föös deutlich zu voll ist. Siegfried Fietz macht mir zuviel heiliges Plingpling mit dem Keyboard und ist schon beim zweiten Lied vollkommen von sich ergriffen. Ich halte das nicht aus und komme erst am Schluss seines Auftrittes wieder. Da tanzen die Besucher bereits Ringelreihen und wedeln mit ihren orangen Tüchern. Dieser Aspekt des Kirchentages war mir schon immer suspekt. Zugleich bin ich traurig, dass ich nicht so bin.
Egal, in zwei Jahren in Bremen bin ich vielleicht sentimental genug.

Fünfter Tag Sonntag:

Meine Abneigung gegen Massenveranstaltungen lässt mich den Abschussgottesdienst am heimischen Fernseher verfolgen und zur Abwechslung hab ich mal ausgeschlafen.

Ein Kommentar
Hinterlassen Sie einen Kommentar »

  1. Auch wenn deine Meinung nicht meiner entspricht, so ist es trotzdem löblich solch einen Bericht zu verfassen :-)

    Ich persönlich fand meinen ersten Kirchentag wirklich sehr klasse!

Schreiben Sie doch einen Kommentar

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Click to hear an audio file of the anti-spam word