Normalerweise laufen Recherchegespräche bei Kunden nach einem bestimmten Schema ab. Begrüßung, falls notwendig Vorstellung der Personen, ein wenig Smalltalk über unverfängliche Themen allgemeiner Natur und nach spätestens fünf Minuten ist man beim eigentlichen Gegenstand des Gesprächs und verlässt diesen auch nicht mehr. Manchmal verplaudert man sich in einigen Seitensträngen des jeweiligen Hauptthemas, manchmal muss man sehr genau nachfragen, aber zumeist habe ich es mit Menschen zu tun, die relativ struktuturiert über ihre Arbeit zu berichten wissen und dabei nicht privater werden, als es für einen Artikel oder PR-Beitrag notwendig ist.
Neulich war das anders. Mein Gesprächspartner verspätete sich unwesentlich und verwies als Begründung auf einen “plötzlichen Trauerfall in der Familie.” Kurzer Moment des Schweigens. Was sagt man jetzt? Dann die Information: “Das Meerschweinchen meiner Tochter.”
Das klingt komischer, als es tatsächlich war.
“Das ist jetzt schon eine erzieherische Herausforderung, meine Tochter ist neun und behindert, wissen Sie. Wenn die aus der Schule kommt, wird ihr Meerschweinchen wohl eingeschläfert sein. Nicht einfach für sie.”
Es entstand erneut eine Gesprächspause. Der Mann setzte sich, fasste sich sichtbar und bot Getränke an, um dann sehr geradeaus das eigentliche Gesprächsthema anzusteuern. Schnell war man bei harten Fakten, die ein Mann kundtat, der es gewohnt war, zweistellige Millionenbudgets zu bewegen. Dann klingelte das Telefon: Die Tierärztin. Und das schwierige “Ja” zum Einschläfern des Tieres. Danach Telefonat mit der Ehefrau, ob sie das Tier abholen könne, damit man es im Garten beerdigen könne.
Ich male verlegen Männchen in mein Notizbuch.
“Entschuldgen Sie”, kehrt der Manager zum Gesprach zurück, spricht aber nicht weiter. “Das wird noch schwierig heute abend, ich darf gar nicht dran denken, ich bin da auch ein bisschen nah am Wasser gebaut..” Er reisst sich seine Brille runter und drückt tatsächlich die Tränen weg, dreht sich rasch zum Kühlschrank. “Noch was zu trinken?” Kehrt mit Mineralwasser zurück und sagt “Lassen Sie uns übers Business reden, das lenkt ab.” Schnell ist man wieder bei Umsatzströmen und Deckungsbeiträgen, bei Gewinnpotenzialen und strategischen Geschäftsfeldern.
Fremder Senf