Wann immer das Leben in ruhigen Bahnen verläuft, der Alltag leidlich funktioniert und sich also eine gewisse Zufriedenheit einzustellen droht oder anders gesagt, der Adrenalinspiegel gefährlich absinkt, also insgesamt eigentlich eher selten, gibt es einen einfachen Weg, diesen das Glück streifenden Gemütszustand schnell und sicher zu vertreiben: Eine Kolumne von Helmut Markwort.
Was mich in Rage bringt, ist weniger der Hang des Focus Chefredakteurs zur Polemik (ein Laster, dass ich ja durchaus teile) oder sein bräsiges Schwarzweiß-Weltbild, in dem am Zweifelsfall die Linken an allem Schuld sind. Was wirklich nervt, ist das intellektuelle Kartoffeltierchen-Niveau in der Argumentation. Markwort, das ist Broder ohne Intelligenz.
Jüngstes Beispiel: Sein Aufreger zu einer “skandalösen Verharmlosung” des schleswig-holsteinischen Innenministers Ralf Stegner. Dieser hatte in einem Interview gesagt, dass man Zwangsehen nicht als Kernbestandteil des türkischen Lebens sehen dürfe, sondern als klitzekleinen Teil dessen. Und weiter:
„Auch innerhalb Deutschlands gibt es kulturelle Unterschiede zwischen Friesen und Franken; daran müssen wir begreifen, dass es nicht Ziel sein kann, die Menschen zu vereinheitlichen. (…) Es soll keine Leitkultur herrschen, sondern Vielfalt. Das Grundgesetz verlangt keine Assimilation.“
Den Skandal, den Markwort hier sehen will, ist das vermeintliche Verständnis des Innenministers für Zwangsehen als zu akzeptierender Teil der türkischen Kultur. Dass Stegner tatsächlich betont, das Zwangsehen eben nicht zentraler Bestandteil türkischen Lebens und Kultur seien (ohne die Zwangsehe selbst damit in irgend einer Weise gutzuheißen) übersteigt Markworts Horizont. Statt dessen raunt er etwas von “islamisch orientierten Familien”, die Zwangsehen “nach Deutschland importieren.” Ganz so, als ob es demnächst Zwangsehen im Supermarkt geben würde, wie asiatische Fernseher oder Videokonsolen. Anders als Stegner macht Markwort die Zwangsehe mit seinem Geschreibsel zu einem wesentlichen Bestandteil – aufgepasst – “islamisch orientierter Familien”. Müsste es nicht heißen “islamistisch”, wenn man ausdrücken will, dass es sich dabei um islamische Fundamentalisten handelt? Das verrät wohl den Kern der Botschaft: Islamisch, islamistisch, egal, die gehören hier nicht hin. Und das Thema Zwangsehe ist da ein willkommener Vorwand, um die islamische Gefahr zu betonen.
Diese fremdenfeindliche Grundhaltung wird endgültig deutlich, wenn es um die Vielfalt geht. “Die Vielfalt, die Stegner uns wünscht, ist Infiltration statt Integration”, schreibt Markwort. Stegner hat betont, das es keine Leitkultur geben kann. In der Tat, ein schwieriger Gedanke, dass unterschiedliche kulturelle Auffassungen einfach nebeneinander existieren, wenn man wie Markwort die Zwangsehe zum integrierten kulturellen Bestandteil des Islam erklärt. Das ist natürlich schon ein polemischer Kunstgriff, erst den Islam mit dem Grundgesetz in der Hand negativ definieren (Zwangsehe etc.), um dann kulturelle Vielfalt empört abzulehnen. Andererseits: Die Geldbörse klauen und “Haltet den Dieb” zu brüllen, ist nicht wirklich neu.
Darum wohl vertraut Marktwort diesem Kniff auch nicht so recht und legt nochmal nach, indem er das Wort “Infiltration” wählt. Vielleicht ist dem Vollblutjournalisten Markwort einfach nur der Alliterationsgaul durchgegangen, aber dieser Begriff in diesem Zusammenhang ist ein starkes Stück. Infiltration ist in der Hydrogeologie das Einsickern von Niederschlägen in den Boden, in der Medizin spricht man Infilitration wenn eine flüssige Substanz in Gewebe eindringt. Im Militärjargon schließlich steht Infiltration analog zu diesem unmerklichen Eindringen von Flüssigkeiten in feste Substanzen für ideologische Unterwanderung, für verdeckte Operationen hinter feindlichen Linien bis hin zur Sabotage.
Wie also soll man Markworts Kennzeichnung der Vielfalt als Infiltration interpretieren? Zuwanderung von Menschen islamischen Glaubens als fremde Substanz, die in das Gewebe des gesunden deutschen Volkskörpers eindringt? Okay, eine extreme Exegese Markwortscher Worte, aber durchaus vom Text gedeckt.
Fassen wir also zusammen:
1. Markwort konstruiert eine islamische Kultur, die durch Zwangsehen gekennzeichnet ist.
2. Markwort tut so, als entspreche diese Auffassung der Sicht des schleswig-holsteinischen Innenministers.
3. Markwort gibt vor, der Innenminister habe Verständnis für diese von Marktwort konstruierte islamische Kultur.
4. Markwort suggeriert, das diese Kulturauffassung dadurch in Deutschland eindringt.
5. Markwort malt das Schreckensbild eines dadurch aufgeweichten und veränderten Rechtsstaates.
Nicht Stegners Interview ist ein Skandal, sondern Markworts Kolumne.
Fremder Senf