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    Mehr Dynamit nach Jülich    

    23

    Juli
    2007
    23 Juli, 2007 von in Am Wegesrand Antworten

    Falls jemand darüber nachgedacht hat, die Zitadelle in Jülich zu besuchen: Er soll es lassen. In meinen grobschlächtigsten Stadtbauphantasien habe ich mir nicht ausmalen können, zu welchen Verbrechen Stadtplaner und -parlamente in der Lage sind. Da steht also quasi miten in der Stadt eine mittelalterliche, gut erhaltene Zitadelle mit beeindruckendem Ausmaß. Leider wurde der Bau im zweiten Weltkrieg arg beschädigt und okay, der Rest der Stadt auch und man hatte nachvollziehbar andere Probleme als einen ästhetisch-denkmalgerechten Wiederaufbau mit ansprechender Gastronomie und touristisch attraktivem Kleingewerbe. Zudem war die Zitadelle schon vor dem Krieg eigentlich nur eine Ruine. Also zugegeben: Schwierige Ausgangslage.

    Aber die zwischen 1968 und 1972 realisierte Idee, das “Denkmal durch den Neubau des städtischen Gymnasiums zu beleben”, wie es vermutlich ganz unironisch auf einem Hinweisschild heißt, ist von unüberbietbarer Blödheit. In der Tat ist das Denkmal am Wochenende jetzt so belebt, wie jeder andere deutsche Schulhof am Sonntag. Und hätte ich es nicht gesehen, ich würde es nicht glauben: Ja, das Innenleben der knapp 500 Jahre alten Zitadelle wird durch einen 70er-Jahre Rechten-Winkel-Zweckbau dominiert, den ein durchgeknallter Architekt seinerzeit vermutlich als “herausfordernden Kontrast zur mittelalterlichen Architektur” angepriesen hat. Wahrscheinlich hat er auch jene graue und pottenhäßliche Betonverschalung hervorgehoben, in denen – ich fabuliere – “Elemente der Festungsarchitektur in verspielter Weise wieder aufgenommen werden.”

    Ignoriert also bitte alle Schilder und Hinwiese auf die Zitadelle in Jülich, die scheinbar ein Baudenkmal anpreisen. Tatsächlich landet ihr auf einem Schulhof, der so trist ist, wieder jeder andere vor 35 Jahren angelegte Platz zum Pausenbrot wegschmeißen. Neckische Betontischtennisplatten findet man sicher näher zum eigenen Wohnort.

    Wie schon in Delmenhorst gilt offenbar auch für Jülich, dass Dynamit als Mittel gegen die Stadtplanung der 70er Jahre heute leider viel zu wenig Verwendung findet. Was mich wirklich interessiert ist die Frage, ob die Verantwortlichen dass in ihrem Innersten seinerzeit tatsächlich schön fanden.


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