Okay, ich gebe es gleich zu. Ich bin ein schwieriger Fall. Ein Klecks Senf auf der Bratwurst reicht mir, um in wenigen Sekunden das Bild eines abgekämpften Schlamm-Catchers abzugeben. Deshalb sollte ich mich nicht zum Maßstab machen, trotzdem gehört das Thema Catering und Mittagsverköstigung auf Konferenzen, Symposion oder anderen wichtigen Business-Meetings mit integriertem „Get Together“ am Büffett zu den größeren Klippen des Geschäftslebens.
Die Realität schlägt bei diesem Thema jeden Alptraum. Und ich spreche da noch nicht mal von der Hotelküchen-Convenience-Einheitsverpflegung, die es einem bisweilen schwer macht Hähnchenformfleischstückchen und Gnoccis in Geschmack und Konsistenz voneinander zu unterscheiden. Das Problem beginnt eigentlich beim reinen Handling.
Der Klassiker sind da belegte Brötchen auf Kaffee-Untertassen oder die Steigerung: auf Pappuntersetzern. Immer wieder erliegen Zeitgenossen der Versuchung, gleich zwei solcher Semmel auf derartigem Unterbau zu balancieren. In Verbindung mit (zu wenig) Stehtischen für die abzufütternde Meute keine hilfreiche Idee. Zudem drohen weitergehende Komplikationen durch kunstvoll aufgeschichtete Tomaten- Gürkchen- oder Olivenarrangements als kreatives Topping einer eher schlichten Scheibe gekochten Schinkens. Registrieren Gaumen und im Ernstfall auch der Wangenbereich nahe der Lippe zusätzlich beim ersten Biss eine unerwartete Schicht Remoulade unter dem Schinken, ist Dreiteiler, Hosenanzug oder wahlweise Businesskostümchen bereits ernsthaft bedroht.
Die absolute Krönung in dieser Hinsicht lieferte im vorigen Jahr der Geobusiness-Kongress in Mainz. Ohne jede versteckte Kamera servierte das Catering dort der versammelten Branchenelite in ihren Business-Outfits tatsächlich Spaghetti mit Bolognese an (wackeligen) Stehtischen. Das wäre eigentlich nur noch durch halbe Hähnchen zu überbieten. Und damit wäre ich dann beim Thema Fingerfood. Immer wieder spannend, zu sehen, was Caterer für einen durchschnittlichen Bissen oder Happen halten. Da hat man dann die Wahl: Abbeißen und Reste jonglieren oder rein damit und beim Smalltalk mal ein paar Minuten aussetzen.
Von mir persönlich sehr geschätzt sind ja mittelmeerische Antipasti. Eingelegte Paprika, mit Schafskäse gefüllte Champigons, Tomate-Mozarella: So etwas sorgt – anders als Schweinebraten mit sämiger Soße und Spätzle, die sich bei 80 Prozent aller Veranstaltungen im Angebot finden - bei Vorträgen und Workshops nach der Mittagspause für ein halbwegs aufnahmefähiges Publikum, dass sich nicht vollständig dem Stoffwechsel hingibt. Aber auch Antipasti haben ihre Tücken: Krawatten und Jacketts finden beim weiten Griff übers Büffett zielsicher den Weg ins Olivenöl. Und zudem muss man als Veranstalter natürlich dafür sorgen, dass wirklich jeder die leckeren Zucchini mit vieeel Knoblauch goutiert. Erst dann entsteht eine echte Konferenz-Familie. Nur später anreisende Referenten haben dabei das Nachsehen.
Aber selbst bei perfekter Berücksichtigung von Handhabbarkeit und Folgewirkungen der Mittagsverköstigung bleiben doch die Grundproblem eines Büffetts ungelöst: Es ist ein Büffett. So verbringt man große Teile der zumeist zu kurzen Pause – denn die Mittagsspause ist ja der eigentliche Ort des für die Daheimgebliebenen mitteilenswerten Konferenzgesprächs – in einer Schlange, um dann jene Arbeiten zu verrichten, die der Caterer nicht mehr rechtzeitig geschafft hat. Salatblätter wollen geschnibbelt werden, Essig-Öl-Soßen angerührt und Fische filetiert. Alles kommunikationsfördernde Beschäftigungen, gewiss, aber doch eher für abendliche Kochevents mit der Firma und korrekt gebundenen Schürzen.
Vielleicht sollte man demnächst dazu auffordern, jeder Teilnehmer einer Business-XY0815-Konferenz möge doch bitte seine Stullen nebst Thermoskanne von zu Hause mitbringen, Tauschgeschäfte nicht ausgeschlossen. Es könnte werden, wie in der großen Pause auf dem Schulhof, bestimmt hat dann einer der Herren ein paar Murmeln in der Tasche und die Damen spielen Gummi-Twist. Schnell ist Himmel und Hölle auf den Boden des Hotelfoyers gezeichnet, aber noch scheller ist die Pause vorbei und alle trotten wieder in den Unterricht Konferenzsaal zur nächsten Stunde Präsentation.
Vor das Problem, belegtes Backwerk kleckerfrei zu essen, stellen einen gerne auch Bäckereien. Die schon erwähnte unsägliche Remoulade, triefend glitschige Tomaten und nur ein- nicht durchgeschnittene Brötchen verlangen alle morgentliche Konzentration. Viel zu dicke und kross/hart gebackene Brötchen führen zur Maulsperre und blutendem Gaumen. Ei-belegte Brötchen gehöre eh verboten.
Mein morgentlicher Favorit ist übrigens das klassische Hackepeterbrötchen vom Schlachter. Das ist essbar und lecker und nie mit Gemüse oder Soße verunstaltet. Dagegen schmeckt das Zwiebel/-Schinkenmett vom Bäcker dürftig.