Drei Gläser Medinait

7. März 2008 | Von ttm | Rubrik: Alle sind gegen mich

Heute wäre erstmals der Tag, an dem ich einen Blog-Eintrag am liebsten mit den altmodischen Worten „Liebes Tagebuch“ beginnen würde, um dann in ausschweifenden Worten und mit viel Selbstmitleid darüber zu berichten, wie sehr mein beruflicher Ausflug nach München und anschließend nach Salzburg von Krankheit und Siechtum geprägt war. Jawohl. Spätestens am Abend des zweiten Tages des Runden Tisches GIS war es nämlich vorbei mit gespannter Aufmerksamkeit und interessierten Gesprächen. Eine Grippe, die ich schon seit Tagen zu ignorieren versuchte, haute mit brachialer Gewalt zu und mich von den Beinen.

Es kam das erste Gläschen Wick-Medinait, aber nicht, dass ich nun liegend und schlafend genesen wäre, wie die Werbung suggeriert… Nee, nach einer weitgehend schlaflosen Nacht mit komplett gestörten Magen-Darm Aktivitäten heulte ich mich erst telefonisch bei der Frau an meiner Seite aus und schlich dann um kurz nach acht zum Zug nach Salzburg, um dort direkt ins nächste Hotelbett zu sinken. Das war im Vergleich zu der Münchener Absteige, in dem noch die gleichen Renovierungsankündigungen im Fahrstuhl hingen, wie vor zwei Jahren, hinreichend kuschelig und sorgte in Kombination mit einigen weiteren chemischen Substanzen endlich für etwas Schlaf.

Statt um zehn trudelte ich also dann so gegen 16 Uhr auf dem Kick-Off Meeting des Bridge2Geo-Projektes ein, denn deswegen war ich ja eigentlich in Salzburg. Bridge2Geo ist ein EU-Projekt, gefördert unter der Überschrift „Regions of Knowledge“ im 7. Forschungsrahmenprogramm. Konkret geht es darum, die in den Regionen Salzburg und Bonn vorhandenen Geoinformatik-Cluster aus Unternehmen, Behörden und Forschungseinrichtungen stärker miteinander zu vernetzen, um gemeinsam unter anderem Themenfelder wie Tourismus oder Gesundheitswirtschaft zu bearbeiten und darin Anwendungen der Geoinformatik bekannter zu machen. Letztlich nackte Wirtschaftsförderung. Immerhin konnte ich noch dem Rest des Freitags- und dem gesamten Samstag-Programm der versammelten Geoinformatik-Expertise aus Bonn und Salzburg beiwohnen und ab und an interessiert herumhusten und fragend schnäuzen. Dazwischen kam das zweite Gläschen Wick-Medinait.

Jetzt muss man noch erwähnen, dass die genauen Eckdaten dieser Salzburger Veranstaltung etwas länger in der Schwebe waren, jedenfalls zu lange, um seine Reiseplanungen exakt darauf abzustimmen. Deswegen ging es erst am Sonntagvormittag und ab München per Flieger zurück in heimatliche Gefilde. Um nicht zu allzu unchristlich früher Zeit von Salzburg aus zum Münchener Flughafen starten zu müssen, hatte ich deshalb noch eine weitere Übernachtung von Sonnabend auf Sonntag in München eingeplant. Und das hat sich im Nachhinein als gar nicht so schlecht entpuppt, denn der Orkan „Emma“ hat die meisten Reiseplanungen für Samstag ohnehin weggepustet – inklusive meiner Zugfahrt nach München.

Am Salzburger Hauptbahnhof herrschte entsprechendes Chaos, Skiausrüstungen starrten auf Anzeigetafeln und belagerten die Schalter. Der Mensch im Infopoint verwies mich auf den Bus-Ersatzverkehr, die Strecke Salzburg-München sei orkanbedingt gesperrt. Am Bahnhofsvorplatz verstopften die Skiausrüstungen allerdings schon sämtliche Busse. Nach München fuhr sowieso keiner. „Nehmen sie den Bus nach Innsbruck, da können sie dann ab Kuftstein die Bahn nehmen“, hieß es. Kuftstein kannte ich bislang nur aus dem gleichnamigen Lied, mit dem ich als Kind regelmäßig im Rahmen eines im elterlichen Haus gern gehörten Radio-Wunschkonzertes konfrontiert wurde. Da wollte ich auf keinen Fall hin.

Das war genau der richtige Moment für meine gestörte Verdauung, wieder ein wenig Aufmerksamkeit einzuklagen. Mein glasiger werdende Blick folgte den WC-Pfeilen und inmitten der geschäftlichen Verrichtung erscholl die Ansage, dass Reisende mit dem Ziel München, jetzt den Ersatzzug auf Gleis vier nehmen könnten. Was für eine Schei…

Aber ich erspare mir jetzt weitere detaillierte Schilderungen des Fortgangs der Ereignisse und springe direkt zum Happy-End: Mit unwesentlicher Verspätung bringt mich der Zug tatsächlich zu meinem dritten Gläschen Wick-Medinait. Dann schüttelt es mich am Sonntag per Flieger von München nach Düsseldorf (Emma ist immer noch zu Gange) und der Ausflug war beendet. Seitdem geht es stetig aufwärts, jedenfalls gesundheitlich. Nur die zwei bis drei liegen gebliebenen Aufträge, die ich eigentlich während der Zugfahrten oder mal im Café/Hotel abarbeiten wollte, belegen mich jetzt dieses Wochenende.

Und damit wollen wie das persönliche Tagebuch auch wieder zuklappen.

2 Kommentare
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  1. Du kannst so toll leiden. Echt Klasse, ich war in Prag und in Belgrad letzten Monat. In Prag bin ich auch krank geworden und mein Handy war weg. ich konnte noch nicht mal meine Frau anrufen um zu leiden. Das war dann so richtig schlimm.

  2. [...] masochistisch. Schon bei meinem ersten Besuch vor einigen Monaten, hat es mich gesundheitlich dahingerafft, jetzt war wieder ein grippaler Infekt im Reisegepäck, wenn auch nicht ganz so schlimm, wie beim [...]

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