Bestürzend und beruhigend
13. Juni 2008 | Von ttm | Rubrik: Geogeschäfte, Großer Bruder sieht DichSo ein Geomarketing-Fachkongress wie jüngst “Fit for Profit” in Heidelberg ist für jemanden, der sich seit fast zehn Jahren mit Geoinformatik befasst, bestürzend und beruhigend zugleich. Bestürzend sind zum Beispiel Berichte aus der Praxis, die zeigen, dass große deutsche Filialunternehmen die Verteilgebiete ihre Haushaltswerbung mit kopierten Stadtplänen und Buntstiften planen und deswegen an die zuständige Mediaagentur mal eben 45 Leitz-Ordner mit der Gebietsplanung liefern lassen. Andere Teilnehmer berichteten, von der klassichen Karte mit Stecknadeln für die Vertriebsgebiete, die leider umgefallen ist und alle Nadeln waren draußen…
So etwas ist natürlich insofern zugleich beruhigend, weil es zeigt, dass der Markt hier noch reichlich Entwicklungspotenzial bietet und man offensichtlich keine Entwicklung verschlafen hat.
Ein echte Highlight der Veranstaltung war übrigens der Einstieg mit dem sensiblen Datenschutzthema, zu dem man sich – wie angekündigt – auch gleich einen Großkritiker des wachsenden Datengebrauchs eingeladen hatte: padeluun, Netzaktivist, Gründer des Vereins FoeBuD, Mitbegründer der Big Brother Awards und Initiator der Massenklage gegen die Vorratsdatenspeicherung vor dem Bundesverfassungsgericht. Das ein solcher Auftritt überhaut stattfinden konnte, zeugt von einem gewissen Charakter des Unernehmens PTV, die 2007 selber zu den zweifelhaften Gewinnern des Big Brothere Awards zählte. Aber ein paar Berührungsängste gab es dann doch: Die kleine Statue für die Auszeichung hatte padelunn zwar mitgebracht, aber eine offizielle Übergabe gab es nicht und gemeinsame Fotos von PTV-Mitarbeitern und Big Brother Award waren nicht erwünscht kamen nicht zu Stande. Und wie man kolpotierte: je näher der Termin rückte, desto kälter wurden die Füße der Geschäftsleitung.

padeluun als Keynote-Speaker auf einem Geomarketing-Kongress? Die Interpretationsfähigkeit dieses Fotos zeigt, welches Risiko auch der Kritiker eingeht, wenn er sich der Diskussion mit den Unternehmen stellt.
Entscheidend bleibt aber: padelunn war da und traf auf ein Auditorium, dessen Geschäft zu einem großen Teil darauf basiert, personenbezogene Daten zum Zwecke des Marketings möglicht ungestört zu verarbeiten. Datenschutz wird in diesen Kreisen vor allem als Bedrohung des Umsatzes betrachtet. Da kann man nicht also nicht viel Applaus erwarten, wenn man deutlich macht, die gängige Formulierung “Ihre Daten werden vertraulich behandelt und grundsätzlich nicht an unberechtigte Dritte weitergegeben” müsste korrekterweise lauten “Ich bin damit einverstanden, dass meine Adresse, angereichert mit Alter, Wohnortgröße, Kaufkraft und Versandhandelsneigung auf dem kommerziellen Aressmarkt verkauft wird”.
Aber es gab auch Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel hat niemand in den vielen Gesprächen, die ich anschließend noch geführt habe, bestritten, dass die Marketingbranche und auch diejenigen, die sich mit Telematikanwendungen befassen, angesichts der wachsenden Relevanz und Wahrnehmung des Themas “Datenschutz” in der Öffentlichkeit (Schöne Grüße von der Telekom!) eine Kommunikations- und Produktstrategie brauchen, die über Totschweigen hinausreicht. Einige PTV-Mitarbeiter zeigten dabei regelrechte Symptome einer gespaltenen Persönlichkeit, die als Privatmann vor Gewinnspielen und Kundenkarten warnt und als Geschäftsmann präsentiert, was man mit den daraus resulierenden Daten tolles machen kann.
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Gastfreundschaft der PTV, die mich erstens zu dem Kongress eingeladen hatte und zweitens jeden Teilnemer, der dies am Eröffnungsabend wollte, in einer extrem gut sortierten Bar seinem Schicksal überließ, wobei die PTV souverän die Rechung übernahm. Das waren in meinem Fall vier (!) großzügig ausgestattete Long Island Iced Tea und eine persönliche Betreuung auf dem Weg zum Taxi. Vielen Dank dafür, auch wen alles, was danach noch kam, ebenfalls unter die Überschrift “bestürzend” fällt. Wie ich übrigens hörte, blieb die Barrechung insgesamt rund 50 Euro unter dem dafür angesetzten Budget.
Aber mehr ging nicht, echt nicht.
[...] biswelen mit Vorträgen von Datenschützern aufwertet, oder ein Unternehmen wie PTV vor kurzem einen Kritiker wie padeluun als Keynotespeaker eingeaden hat. Aber irgendwie hofft jeder Anbieter der Kelch öffentlicher Empörung möge an ihm [...]