Meine eigenen jüngsten Erfahrungen als Openstreetmapper und diese Meldung des NRW-Innenministeriums zur Einführung von ALKIS in Lippe als erster Kommune in Deutschland ziehe ich mal zu der gewagten Prognose zusammen, das ALKIS scheitern wird, jedenfalls gemessen an seinem ursprünglichen Anspruch.
ALKIS steht für Automatisiertes oder wahlweise auch Amtliches Liegenschaftskatasterinformationssystem und soll künftig gemeinsam mit dem Amtlichen/Automatisierten Topographischen Katastereinformationssystem (ATKIS) und dem Amtlichen/Automatisierten Festpunkt Informationssystem (AFIS) die Grundlage für das komplette behördliche Kartenwerk bilden. Die Idee dahinter ist ein Datenmodell, dass in der Lage ist, jedem realen Objekt in der Landschaft eine kartographische Entsprechung und Signatur zuzuweisen. Wesentlicher Bestandteil von ALKIS/ATKIS/AFIS (verkürzt auch als 3A oder AAA-Modell bezeichnet) sind deshalb umfangreiche Objektartenkataloge, in denen jede denkbare Eventualität der realen Umwelt aufgelistet ist. Allein der Katalog für ALKIS umfasst rund 500 Seiten. Nur ein Beispiel daraus: Unter der Kennnummer 51001 findet sich die Objektart “Turm”, wunderbar definiert als “ein hoch aufragendes, auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche freistehendes Bauwerk.” Allerdings sind diesem Objekt zahlreiche weitere Attribute zugeordnet, etwa zwölf verschiedene Nutzungsarten:
- Wasserturm 1001 – ist ein hochgelegenes Bauwerk mit einem Behälter, in dem Wasser für die Wasserversorgung und Konstanthaltung des Wasserdruckes gespeichert wird.
- Kirchturm, Glockenturm 1002 – ‘Kirchturm, Glockenturm’ ist ein freistehender Turm, der die Glockenstube mit den Glocken aufnimmt.
- Aussichtsturm 1003 – ‘Aussichtsturm’ ist ein Bauwerk, das ausschließlich der Fernsicht dient.
- Kontrollturm 1004 – ‘Kontrollturm’ (Tower) ist ein Bauwerk auf dem Fluggelände, in dem die für die Lenkung und Überwachung des Flugverkehrs erforderlichen Anlagen und Einrichtungen untergebracht sind.
- Kühlturm 1005 – ‘Kühlturm’ ist eine turmartige Kühlanlage (Nass- oder Trockenkühlturm), in der erwärmtes Kühlwasser insbesondere von Kraftwerken rückgekühlt wird.
- Leuchtturm 1006 – ‘Leuchtturm’ ist ein als Schifffahrtszeichen dienender hoher Turm, ausgerüstet mit einem starken Leuchtfeuer verschiedener Kennungen an der Turmspitze und mit anderen, der Schifffahrt dienenden Signalen.
- Feuerwachturm 1007 – ‘Feuerwachturm’ ist ein Turm, der zum Erkennen von Gefahren (Feuer) dient.
- Sende-, Funkturm, Fernmeldeturm 1008 – ‘Sende-, Funkturm, Fernmeldeturm’ ist ein Bauwerk, ausgerüstet mit Sende – und Empfangsantennen zum Übertragen und Empfangen von Nachrichten aller Arten von Telekommunikation.
- Stadt-, Torturm 1009 – ‘Stadtturm’ ist ein historischer Turm, der das Stadtbild prägt. ‘Torturm’ ist der auf einem Tor stehende Turm, wobei das Tor allein stehen oder in eine Befestigungsanlage eingebunden sein kann.
- Förderturm 1010 – ‘Förderturm’ ist ein Turm über einem Schacht. An Förderseile, die über Seilscheiben im Turm geführt werden, werden Lasten in den Schacht gesenkt oder aus dem Schacht gehoben.
- Bohrturm 1011 – ‘Bohrturm’ ist ein zur Gewinnung von Erdöl und Erdgas verwendetes, meist aus einer Stahlkonstruktion bestehendes Gerüst, in dem das Bohrgestänge aufgehängt ist.
- Schloss-, Burgturm 1012 – ‘Schloss-, Burgturm’ ist ein Turm innerhalb einer Schloss- bzw. einer Burganlage, auch Bergfried genannt.
Und für alle Fälle noch der Turm von dem man grad nicht weiß, was er soll:
- Nach Quellenlage nicht zu spezifizieren 9998 – ‘Nach Quellenlage nicht zu spezifizieren’ bedeutet, dass zum Zeitpunkt der (Daten-)Erhebung keine Funktion zuweisbar war.
Weitere Attribute sind die Objekthöhe, der Name, Zustand (offizielle Definition: “Zustand” ist der Zustand von “Turm”) und eine Relationsart ( “zeigt auf weist auf Lagebezeichnung hin”).
Soviel zum Objekt “Turm”, nur ein Beispiel und mit zwölf Nutzungsarten ein noch relativ überschaubares Objekt. Beim Objekt “Gebäude” (offenbar ohne Türme) unterscheiden die amtlichen Vermesser hingegen über 240 Nutzungsarten von “Almhütte” bis “Zollstation” , was zu einem schönen Quiz einlädt, mal alle Möglichkeiten zu raten.
Warum ich das alles auf- und erzähle? Weil es deutlich macht, das ALKIS/ATKIS/AFIS an ihrer eigenen Komplexität zu Grunde gehen werden. Meine Ausflüge als Amateurvermesser für Openstreetmap haben mir nochmal drastisch und praktisch die theoretisch schon länger vorhandene Erkenntnis vor Augen geführt, wie kompliziert die Wirklichkeit plötzlich wird, wenn man versucht, sie vollständig und allgemein verbindlich zu kartographieren: Es geht schlicht nicht, jedenfalls nicht zu vertretbarem Aufwand.
Es funktioniert allenfalls auschnittweise und zweckbezogen, wenn der Zweck zuvor bekannt ist. Insofern wird sich auch die Katasterverwaltung trotz ihres Alleinvertretungsanspruches früher oder später davon verabschieden müssen, ein Datenmodell einzuführen, dass möglichst sämtliche denkbaren Zwecke im Vorfeld berücksichtigt. Eine Karte bleibt die Modellierung (und damit Vereinfachung) der Wirklichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem vorgegebenen Zweck. Eine Datenbank, die jede Karte zu jedem Zweck auf Knopfdruck erzeugt – und dass war ja mal die Idee des 3A-Modells – wird nie existieren.
Böse gesagt: Vermutlich wird ALKIS/ATKIS/AFIS die größte unbemerkt gebliebene Investitionsruine der Bundesrepublik werden.
Herlich…
endlich mal auch andere Personen die das erkennen. Ich selber arbeite in einer Software Firma die sich u.a. mit der Realisierung von ALKIS (nur 1 A) beschäftigt und das jetzt mittlerweile seit mehr als 5 Jahren u.a durch die verschiedenen Versionen momentan 6.1.
Feststellung:
1.ALKIS ist ein Steuergrab – der Bund der Steuerzahler muss sich damit beschäftigen
2. ALKIS wurde von 2 Firmen (ibR und AED/SICAD) iniziert um im schon gut bedienten, kränkelnden Katastermarkt eine Menge Geld zu verdienen – schaut mal in die Revisionsliste. Ist doch wie eine Mafia
3. diese Meldungen über eine erfolgreiche Einführung in “Poppelkatasterämter” wie Lippe sind doch Humbuck. Die decken niemals den vollen Katasterprozesse mit allen Operationen und Berichten ab.
4. Die Theoretiker haben mal wieder zugeschlagen
4.1 Nur alte Zöpfe/Beamte arbeiten an den Konzepten oder Freiberufler wie ein gewisser Hr. P der sich damit auch dumm und dusselich mit den erstellen von Definition ” ist ein hochgelegenes Bauwerk mit einem Behälter” verdient
5.Niemand/Wenige bei den Katasterämter wollen das
6. Inspire – die Zukunft kommt
7. Die Architekurdokumentation ist nicht offen, alles in Rational Rose realisert – mit den exportieren xsd-shemen und pfd kann man schlecht was anfangen, u.a. gibt es Abweichungen zwischen Rational Rose Schema und den Dokumenten
So das wars…
Hoffentlich hat das bald ein Ende…obwohl ja die Einführung der ALK auch fast 20 Jahre gedauert hat – und nun ratet mal welche Firmen sich hier bei den Landesvermessungsämtern und Katasterämtern dumm und dusselig verdient haben?
oh oh,
da war wohl niemand von der FFW dabei, wie sonst kann man erklären dass das Gebäude “für Brandschutzübungen und Schlauchtrockung” fehlt?
ein völlig ratloser Paul
PS: ist AAA
- überhaupt nach ISO zertifiziert?
- EU conform?
- diskrimierungsfrei?
- barrierefrei?
Herrlich geschrieben! Und die Quintessenz: das ist das, was passiert, wenn man Experten weitestgehend unkontrolliert allein lässt, spricht mir aus der Seele. Bisher vermag ich selbst mit dem positivsten Denken nicht zu erkennen, dass es irgendwo bei AAA jemanden gibt, der dieses Modell wirklich verstanden hätte oder es mal mit ein paar verständlichen Worten erklären könnte. Jede einzelne Erklärung ist ein weiteres Fliehen in zusätzliche Abkürzungen, die natürlich nur ein “vermessungstechnischer Experte” verstehen kann und wer das nicht kann, der ist einfach zu dumm oder halt kein Experte. Es ist ziemlich *vermessen* zu denken, man könne alles erfassen und dann wäre man einfach irgendwann “fertig”.
Dafür, dass man vorhandene Informationen “lediglich” in einem Datenmodell bündeln will, braucht das Projekt aber verflixt viel Zeit und Geld. Und nach der Katatsterverwaltung müssen auch Anwender, die amtliche Daten als Referenz für Geofachdaten benutzen (müssen), ihre Systeme für eine normbasierte Austtauschschnittselle (NAS) nachrüsten, die ähnlich wie ihr Vorgänger EDBS (Einheitliche Datenbankschnittselle) weder normiert noch einheitlich daherkommt.
Das Grundproblem ist doch folgendes: Überall, wo ein Datenmodell beginnt, einen bestimmten Grad an Komplexität zu überschreiten, zieht vernünftigerweise ein Controller die Bremse und fragt, ob all die Ansprüche der Fachleute wirklich erfüllt werden müssen, um dem Zweck der Sache zu dienen.
Zumeist zeigt sich dann, dass die in der Umsetzung besonders kosten- und zeitraubenden Ansprüche verzichtbar sind, ohne kriegsentscheidende Verluste in der späteren Anwendungspraxis zu erleiden. Eine altbekannte Regel: Die letzten 20 Prozent Perfektion, verschlingen mehr Kosten, als die achtzig Prozent Ergebnis zuvor.
Das 3A-Projekt ist von Poltik und Öffentlichkeit weitgehend unbehelligt geblieben, musste sich außerhalb einer engen Fachwelt also nie rechrfertigen und zeigt meines Erachtens in Reinkultur wohin es führt, wenn man die technischen Experten weitgehend unkontrolliert allein lässt.
Ohne das sich ständig verspätende 3A-Projekt in Schutz nehmen zu wollen, möchte ich trotzdem ein paar Punkte klarstellen:
1. ATKIS=Amtliches Topografisches Kartografisches Informationssystem
2. Fast alle Informationen des 3A-Projektes liegen bereits in den unterschiedlichen Informationsquellen ALK, ALB, ATKIS und der Punktdatei vor. 3A soll diese Quellen lediglich in einem einheitlichen Datenmodell bündeln, so dass die Informationen einfacher als bisher abgerufen werden können. Eine Ausdünnung der Informationsdichte ist für Planungszwecke (gerade in Großstädten) nicht vertretbar.