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26. November 2008 | Von ttm | Rubrik: Geoinformation, Großer Bruder sieht Dich

oder: Ein verschollener Beitrag taucht auf

Wie es aussieht, konnte ich den Infas Geodaten Geschäftsführer Karl-Heinz Mühlbauer als Gastautor für diesen Blog gewinnen. Mein Eintrag zu einem nur als Anreißer im Netz auffindbaren Beitrag von ihm zum Thema Datenschutz, hat ihn offenbar dazu inspiriert, einfach mal den vollständigen Beitrag als Kommentar hier zu hinterlassen. So war das zwar nicht gedacht, aber der Mann ist Marketingexperte und hat als solcher seine Chance erkannt und genutzt, ausführlich zu Wort zu kommen.

Das sei ihm mit Freude gegönnt, von mir dazu fünf Anmerkungen.

1. Zum Hintergrund: Infas Geodaten, wie auch einige andere Geo- und vor allem Adressdatenanbieter (infas Geodaten gehört übrigens zur Schober Group) sehen sich mit einer für sie folgenreichen Änderung des Datenschutzgesetzes konfrontiert. Das so genannte Listenprivilieg soll abgeschafft werden. Dies ist eine Forderung des Bundesrates zur Änderung des Bundesdatenschtzgesetzes, der sich die Bundesregierung angeschlossen hat, wie es sich aus der letzten Seite dieses Dokuments ergibt. Wird dies so beschlossen ist die bislang geltende grundsätzliche Erlaubnis zur Weitergabe bestimmter personenbezogener Daten zu Werbezwecken spwie zur Markt- und Meinungsforschung abgeschafft. Man könnte auch sagen, das geltende Widerspruchsprinzip wird zu einem Erlaubnisprinzip: Bislang musste der Einzelne einer Weitergabe seiner Daten zu Werbezwecken ausdrücklich widersprechen, mit der geplanten Neuregelung muss er dem ausdrücklich zustimmen, im Fachjargon als Opt-In bezeichnet. Das dürfte tatsächlich einige Geschäftsmodelle der Branche ins Wanken bringen.

2. Mühlbauers Argumente gegen diese Änderung entsprechen dem bekannten Lobbyisten-Bedrohungs-Kanon: Fallende Umsätze und Arbeitsplatzverlust in der Werbebranche und problematischer nationaler Alleingang. In diesem Zusammenhang auch gerne genannt: Ohne genaue Daten nur noch mehr Werbeflut in den Briefkästen, weil die zielgenaue Kundenansprache nicht mehr möglich sei. Das wolle ja auch keiner.
Allerdings übetreibt Mühlbauer etwas, weil er gleich generell das Prinzip, Nachfrage durch Werbung zu erzeugen, in Frage gestellt sieht. Das ist natürlich Quatsch. Ebenso wie sein Hinweis auf die armen karitativen Organisationen, die nun keine Spendenbriefe mehr verschicken könnten, was zahlreiche soziale Projekte gefährde.
Wenn er da mal nicht die Kreativität der Fundraiser und der eigenen Branche unterschätzt, künftig auch mit nicht persönlich adressierten Werbebriefen eine anvisierte Klientel zu erreichen. Da werden eher mehr, als weniger Geodaten im Sinne statistisch aggerierter, anonymisierter und georeferenzierter Information benötigt.

3. Mühlbauers Verweis auf Biometrie, Genanalysen etc. als Aufgabe des Datenschutzes und die Verharmlosung der eigenen Datensammlung (“Werbepost tut niemandem weh”) verkennt einen Kern des Datenschutzproblems: Datensammlungen wecken Begehrlichkeiten, wie das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung beweist (vom Missbrauch für eigene, aber sachfremde Zwecke durch die Datensammler wie im Fall der Telekom mal ganz zu Schweigen.) Ein wichtiges Prinzip des Datenschutzes ist deshalb die Vermeidung von Daten.

4. Mühlbauer äußert sich jetzt angesichts einer geplanten Gesetzesänderung aus einer Position der Abwehr. Aus dieser Position heraus steht seine Argumentation naturgemäß unter dem Generalverdacht, lediglich Pfründe sichern zu wollen. Ich unterstelle Herrn Mühlbauer und Infas Geodaten deshalb stellvertretend für viele andere Adressdienstleister am Thema Datenschutz nicht wirklich interessiert zu sein. In der Vergangenheit hat man sich bei diesem Thema vornehmlich weggeduckt. Gerade die Schober Group hat dabei einige wirklich unrühmliche Auftritte in der Öffentlichkeit hingelegt.

5. Die – vorsichtig formuliert – defensive Kommunikationstrategie der Branche zum Theme Datenschutz hat meines Erachtens in hohem Maße dazu beigetragen, dass heute bei Journalisten viel Unwissenheit herrscht und diese daher relativ undifferenziert von Vorratsdatenspeicherung, über Datenmissbrauch bei der Telekom und dem Stichwort Biometrie bis zur Adressqualifizierung alle Themen in einen Topf mit der Aufschrift “Bäh” schmeißen. In einer Mediengesellschaft kann dies nicht ohne Auswirkungen auf handelnde Politiker bleiben.

So gesehen, ist die geplante Gesetzesänderung ebenso wie Mühlbauers späte Gegenargumentation auch ein Lehrstück über die fehlende Kommunikation einer Branche, die sich eigentlich Kommunikation auf die Fahne geschrieben hat.
Als werbetreibender Kunde wäre ich übrigens auch deshalb etwas verunsichert.

2 Kommentare
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  1. Es gibt doch da einen Dachverband für die GI Branche. Aber da ist ja auch keiner aus dem Umfeld Geomarketing drin. Außerdem verstehen die Vermesser ja auch nichts von Marketing. Irgendwie beißt sich seid 10 Jahren der Hund in den Schwanz. Aber der IMAGI kann ja 10 jähriges bestehen feiern. (Party aus Steurgeldern. Warum geht keiner mehr auf die Straße und schmeißt Steine? Ich könnte Felsen werfen gegene dieses Nichtstun der amtlichen und die Selbsrerhaltungstriebe auf Kosten der Steuerzahler) Was hat der für die Geomarketingbranche getan? Nix.

  2. [...] und verfehlt gebrandmarkt. Mit den vorgebrachten Argumenten habe ich mich gleich mehrmals (hier und hier) ausführlich [...]

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