Ja, klar nehm ich die Reste mit

1. Dezember 2008 | Von ttm | Rubrik: Kulinary

kulinary1 Thalmann kocht, ißt und schreibt – die Textkoch-Kolumne in “Kulinary – Kochen, Reisen und Genießen”

Ausgabe 1/09

„Aber ich hab’ noch Kaffee und Kuchen.“ Mit entsetzt geweiteten Augen reagiert meine Mutter auf meine mit letzten Kräften dahin gestöhnte Bemerkung, heute nichts mehr essen zu wollen. Es ist der 2. Weihnachtstag, kurz nach dem mittäglichen Nachtisch und kurz vor dem gleich von meinem Vater aufgenötigten Kräuterlikör, Marke letzter Eifel-Urlaub.

Feiertage im Elternhaus.

Das ist die Suche nach dem Schnittpunkt zwischen den kulinarischen Verführungen der Kindheit („Das magst Du doch so gerne“) und den körperlichen Grenzen der Gegenwart. Theoretisch kann ich diesen Punkt selbst bestimmen, praktisch wird mit gut zugeredet: „Den Haps noch, dann ist es alle“. Richtig schlimm wird es allerdings, wenn meine Mutter diesen Punkt gefunden hat. Das Ergebnis ist eine degenerierte Diätversion der Kindheitserinnerung: Fettarme Bratkartoffeln, specklose Rouladen, butterfreies Gemüse, Rote Grütze mit Süßstoff. Nichts davon macht glücklich, aber man will ja nicht am Essen mäkeln, wenn die Familie an den Feiertagen zusammen kommt. Auch Elternliebe geht durch den Magen.

Andererseits: Leicht und lecker kann ich heute selbst. Und es war ein anstrengender Weg von den dicken Bratenscheiben mit angedickter Soße zum Lammrücken an Barolo-Reduktion. Mein 20. Geburtstag lag schon etwas zurück als ich zum ersten Mal Spaghetti Pesto oder Auberginen genießen durfte. Und es war ein schöner Herbsttag Anfang des Jahrtausends, als ich herausfand, was man aus Spinat jenseits der sahnigen Matschversion mit Stampfkartoffeln und Rührei noch so machen kann.
Die Emanzipation vom Elternhaus geht nämlich genauso durch den Magen.

Und doch: Muttis Hausmannskost bleibt ungeschlagen, auch weil sie untrennbar mit den glücklichen Zeiten verbunden ist, als Wetten-Dass noch feuchte Hände vor Aufregung verursachte und Cholesterin ein Fremdwort war. Am Ende gilt ohnehin die alte Chemiker-Regel, nach der die Menge das Gift macht. Wenn ich also einige Feiertage des Jahres im elterlichen Nest verweile, können mir sämtliche kulinarische Entwicklungen und gesundheitliche Bedenken gestohlen bleiben.
Macht die Soßen sämig, den Kartoffelsalat triefend von Mayonaise und den Butterkuchen mit dicker Zuckerschicht! So, und jetzt noch einen Likör und wann ist denn nun endlich Kaffeezeit? Und ja, klar nehm’ ich die Reste für zu Haus mit.

Schreiben Sie doch einen Kommentar

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Click to hear an audio file of the anti-spam word