Infas Geodaten legt in der Diskussion um die Frage des Datenschutzes im Zusammenhang mit Geodaten noch mal nach. Geschäftsführer Michael Herter begründet ausführlich und sehr fachlich-geografisch, warum Geodaten keine personenbezogenen Daten seien und auch nicht werden könnten.
Ich fürchte nur, Herters durchaus erwägenswerte Argumente kommen zu spät. Die Diskussion hat die Fachebene längst verlassen, wie ja durch seinen Verweis auf die Aussagen des CDU-Vize-Fraktionschefs Bosbach zu diesem Theme deutlich wird. Wir bewegen uns im politischen Raum und da gelten andere Regeln der Kommunikation, als in der Fach- oder Wirtschaftswelt.
Greifen wir Herters Argumente dennoch kurz auf: Im Kern insistiert er auf der Tatsache, dass geografische Informationen jedweder Art niemals direkt und konkret auf eine Person bezogen werden können, allenfalls auf eine Adresse (Ausnahme: direkte GPS-Messung des Standortes eines Menschen). Insofern erlauben sie Aussagen über das Wohnumfeld einer Adresse und allenfalls mittelbar damit auch über den Bewohner dieser Adresse. Das macht sie laut Herter aber noch nicht zu personengebundenen Daten, die sie stets die Relation einer Sache (in diesem Fall: einer Adresse) zur Lage im Raum beschreiben und kein sachliches Verhältnis einer Person (Name, Besitz, Gesundheitszustand, etc..) beinhalten.
Damit hat Herter nun zweifellos recht. Tatsächlich werden die personenbezogenen Daten, die als Grundlage raumbezogener Informationen etwa zur Kaufkraft dienen, nach den Regeln des Datenschutzes brav von der Person getrennt und als statistische Masse behandelt. Schon am Beginn dieses Prozesses müssen Daten aus mindestens sechs bis acht Haushalten zu einem einzgen statistischen Haushalt zusammen gefasst werden, so das keine personenbezogenen Daten mehr übrig bleiben.
Allerdings werden die Daten am Ende aller Prozesse wieder auf eine einzelne Adresse und damit unter Umständen auch auf einzelne Person projiziert. Das sind dann laut Herter keine personenbezogenen Daten mehr, sonder Informationen zu räumlichen Relationen. Und technokratisch formal betrachtet stimmt das auch. Es handelt sich schlicht um Aussagen mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit. Also nicht: Hein Müller gibt jährlich 600 Euro für Kleidung aus, sondern: Hein Müller gibt mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit rund 600 Euro im Jahr für Kleidung aus.
Der entscheidende Punkt ist allerdings, dass die Methoden mittlerweile so gut sind, dass dadurch quasi personenenperzogene Daten entstehen, die im Alltag des Marketings den gleichen Zweck erfüllen, wie echte personenbezogene Daten. Damit lassen sich Streuverluste bei Werbeaussendungen ebenso vermeiden, wie Standortplanungen für Filialnetze optimieren.
Die Branche – inklusive Infas Geodaten – hat in der Vergangenheit diesen feinen Unterschied zwischen tatsächlichem Wissen und hoher Wahrscheinlichkeit ihres Wissens aber nicht sonderlich betont, sondern stets die Verlässlichkeit, Relevanz und Wahrheit ihrer Daten hervor gehoben. Nun darf sie sich nicht wundern, dass ihr gewissermaßen die eigenen Werbeversprechungen auf die Füße fallen, nämlich gesicherte Auskünfte über Menschen geben zu können.
Und schlimmer noch: Sie hat Anwendungen solcher Daten in sensiblen Einzelfallentscheidungen über persönliche Fragen nicht nur zugelassen, sondern auch bewusst gefördert und beworben. Die Rede ist hier vom Geoscoring, also die Nutzung von Wohnumfeldinformationen wenn etwa die Kreditwürdigkeit eines Antragstellers geprüft wird. Was in der statistischen Masse sinnvoll ist, kann aber in Einzelfällen schlicht zu Fehlinformationen führen.
An genau dieser Stelle hat sich die Diskussion um die Frage des Datenschutzes in Bezug auf Geodaten auch entzündet. Hätte zum Beispiel Infas hier frühzeitig, öffentlich und deutlich distanzierend Stellung bezogen und die Verantwortung nicht schlicht auf seine Kunden als Anwender der Daten abgewälzt, müsste man heute keine Abwehrschlacht gegen eine Datenschutzdebatte führen, die längt eine poitische Eigendynamik gewonnen hat, die sich fachlichen Argumenten weitgehend entzieht.
Und Herters Versuch einer politischen Argumentation scheitert aus meiner Sicht kläglich. Er verweist auf die Daten-Sammelwut des Staates und unterstellt, mit einer Diskussion über Geodaten von diesen sehr viel schwerwiegenderen Datenschutzproblemen ablenken zu wollen. Das sagt nun eher etwas über seine Denkweise aus, die halbwegs intelligente Taktiken vermutet, wo es keine gibt. Tatsächlich hat Herter die Dynamik der Diskussion schlicht nicht erkannt, die aus Sicht von Unternehmen wie Infas Geodaten das Kinde mit dem Bade ausschüttet.
Aber als noch Raum und Zeit für Diferenzierungen blieb, hat es Herr Herter (den ich hier zugegeben in Sippenhaft für viele andere nehme) vorgezogen zu schweigen. Nun bestimmen andere die Debatte.
Das ist ja das Problem: Die Scoring-Daten stellen die private Dienstleistung eines Unternehmens für Banken etc dar. Insofern gibt es nicht mal den einen Scoringwert, den jemand nun quasi amtlich erhält, sondern je nach gewähltem Dienstleister. Diese halten die genaue Zusammensetzung und Herkunft ihres Scorings geheim. Das ist sozusagen der firmeninterne Produktionsprozess. Das ist ja einer der kritikwürdigen Punkte: Da der einzelne Verbarucher weder seinen Scoringwert erfragen kann, noch Auskünfte über die Faktoren seiner Entstehung bekommt, kann er ihn auch nicht durch individuelles Wohlverhalten verbesserm, weil er schlicht keine Information darüner hat, welches Verhalten denn opportun wäre.
Der Scoringwert selbst ist eine abstrakte Zahl, die zum Beispiel auf einer Skala von eins bis zehn das Ausfallrisiko eines Kredits angibt (eins=zahlt sehr sicher zurück; zehn=extrem unsicherer Schuldner). Der Wert gibt so gesehen prozentuale Ausfallwahrscheinlichkeiten an.
Ich persönlich wundere mich übrigens auch bei den Anwendern dieser Scorings über deren Rechnergläubigkeit. Was heißt denn zum Beispiel, es gibt ein Kreditausfallrisiko von 50 Prozent? Das irritiert mich schon bei Wettervorhersagen: Regenwahrscheinlichkeit 50 Prozent. Das heißt, es regnet oder es regnet eben nicht. Scoring wird in seiner Aussagekraft m.E. weit überschätzt. Die eindeutige Zahl täuscht Genaugkeit vor. Das aber macht die Sache nur noch schlimmer. Ein abstrakter Faktor mit eher niedriger Aussagekraft entscheidet über individuelle Geschäfte.
ich habe da mal eine frage. kann ich als normalverbraucher mir auch die geoscoring daten ansehen? somit wären sie auch entschärft. ich könnte mir eine wohnung in einer entsprechen umgebung aussuchen. und meine imobilie auch wieder verkaufen.