Und jetzt zu etwas ganz anderem:
Gestern war ich nach langer Abstinenz mal wieder in einem ..sagen wir ruhig: Pop-Konzert. Zumindest läuft Ingrid Michaelson unter dieser Bezeichung bei iTunes. Die Dame ist zwar aus New York und 29 Jahre jung, aber irgendwie war dieser kleine Event im Gebäude9 in Köln für mich atmosphärisch ein Trip in die Vergangenheit.
Für Insider sag ich mal: Villa-Konzert.
Knapp 200 Zuhörer in einer ausgedienten Industriearchitektur mit 80er-Jahre Jugendtreff-Charme bei der Innenausstattung ignorierten langjährige Nichtraucherdiskussionen und machten jede Nebelmaschine überflüssig. Dazu kamen noch 20 Minuten Verzögerung gegenüber dem angekündigten Beginn um 21 Uhr. Alles in allem also ein längst verschwunden geglaubtes Biotop, in das ich da hineintauchte.
Aber es hat sich gelohnt. Michaelson gilt ja als das jüngste Wunderkind des Internets: Ihre MySpace-Seite mit selbst aufgenommenen Liedern wird 2006 vom Produzententeam der Serie Greys Anatomie entdeckt und ein erster Song (vier weitere folgen) für den Soundtrack ausgewählt. So entsteht Interesse, Nachfrage und eine CD, die Michaelson im Eigenverlag und -label herausbringt und im eigenen Webstore über 250.000 mal verkauft. Das ist angesichts einer potenziellen Zuhörerschaft von 300 Millionen US-Einwohnern nicht soooo viel, aber ohne Plattenfirma und professionellen Vertrieb ist das wiederum ziemlich viel, zumal ein Großteil des Erlöses so beim Künstler verbleibt. Trotzdem darf die zweite CD in Deutschland ab 15. Dezember Universal herausbringen.
Soviel zum Hintergrund. Zur Musik selbst: Das ist ja irgendwie Geschmackssache. Michaelson verorte ich stilistisch, ziemlich genau in der Mitte zwischen Janis Ian und Tori Amos. Das ist kein Vergleich à la “klingt wie”, sondern in meinen Ohren etwas sehr Eigenes, denn Ian und Amos sind weit voneinander entfernt. Während Ian ihre Folk-Popsongs auf einem traditionellen Fundament von Blues und Country errichtet, ist Amos sehr verspielt-künsterisch und bei aller Lust an immer neuen Rollen auch etwas verkopft. Das ist im Zweifelsfall näher an Bach als an Blues, aber von beiden dann auch wieder weit entfernt. (Man sieht: Musik mit Worten zu beschreiben ist…nunja..kompliziert.)
Lassen wirs dabei: Michaelson macht kleine, unkomliziert daher kommende Folksongs mit Ukulele, Gitarre und Klavier, die irgendwo zwischen eigenwilligem Sound und gefälligem Mainstream changieren. Dazu ist sie zwischen ihren Liedern noch ganz ansteckend lustig und sorgte damit in Köln für einen rundum gelungenen Abend oder wie sie selbst twittert: wonderful cologne show.
Zufällig trafen sich gestern Mittag drei ehemalige Techniker der Villa beim Friseur in der kleinen Stadt.