Thalmann kocht, ißt und schreibt – die Textkoch-Kolumne in “Kulinary – Kochen, Reisen und Genießen”
Ausgabe 2/09
Okay, ich gebe es gleich zu. Ich bin ein schwieriger Fall. Ein Klecks Senf auf der Bratwurst reicht aus, um mich in wenigen Sekunden zum Abbild eines abgekämpften Schlamm-Catchers zu machen. Deshalb sollte ich mich nicht zum Maßstab machen, trotzdem gehört das Thema Catering in der beginnenden Messe- und Konferenz-Saison zu den größeren Klippen des Geschäftslebens.
Der Klassiker sind belegte Brötchen. Die sind eigentlich unproblematisch und sollten auch in Anzug und Business-Kostümchen gefahrlos zu bewältigen sein. Aber häufig drohen Komplikationen durch kunstvoll aufgeschichtete Tomaten- Gürkchen- oder Olivenarrangements als kreatives Topping einer eher schlichten Scheiben Schinken. Registrieren Gaumen und im Ernstfall auch der Wangenbereich nahe der Lippe dann zusätzlich beim ersten Biss eine unerwartete Schicht Remoulade darunter, ist das seriöse Outfit bereits ernsthaft bedroht.
Dann besser gleich Fingerfood. Hier gibt es allenfalls interessante Erkenntnisse darüber, was Caterer für einen durchschnittlichen Bissen oder Happen halten. Da hat man dann die Wahl: Abbeißen und Reste jonglieren oder rein damit und beim Smalltalk mal ein paar Minuten aussetzen.
Auch Antipasti wie eingelegte Paprika, mit Schafskäse gefüllte Champigons oder Tomate-Mozarella haben ihre Tücken: Krawatten und Jacketts finden beim weiten Griff übers Büffett zielsicher den Weg ins Olivenöl. Und zudem muss man als Veranstalter natürlich dafür sorgen, dass wirklich jeder die leckeren Zucchini mit vieeel Knoblauch goutiert. Erst dann entsteht eine echte Konferenz-Familie. Nur später anreisende Referenten haben das Nachsehen.
Aber selbst bei perfekter Berücksichtigung von Handhabbarkeit und Folgewirkungen der Mittagsverköstigung bleibt doch das Grundproblem eines Büffetts ungelöst: Es ist ein Büffett. So verbringt man große Teile der zumeist zu kurzen Pause – denn die Mittagsspause ist ja der eigentliche Ort des für die Daheimgebliebenen mitteilenswerten Konferenzgesprächs – in einer Warteschlange, um dann jene Arbeiten zu verrichten, die der Caterer nicht mehr rechtzeitig geschafft hat. Salatblätter wollen geschnibbelt werden, Essig-Öl-Soßen angerührt und Fische filetiert.
Vielleicht sollte man demnächst dazu auffordern, jeder Teilnehmer einer Business-XY-0815-Konferenz möge doch bitte seine Stullen nebst Thermoskanne von zu Hause mitbringen, Tauschgeschäfte nicht ausgeschlossen. Es könnte werden, wie früher in der großen Pause auf dem Schulhof. Bestimmt hat dann einer der Herren ein paar Murmeln in der Tasche und die Damen spielen Gummi-Twist. Schnell ist Himmel und Hölle auf den Boden des Hotelfoyers gezeichnet, aber noch scheller ist die Pause vorbei und alle trotten wieder in den Konferenzsaal zur nächsten Stunde.
Fremder Senf