Immer voll im Trend

1. April 2009 | Von ttm | Rubrik: Kulinary

kulinary1 Thalmann kocht, ißt und schreibt – die Textkoch-Kolumne in “Kulinary – Kochen, Reisen und Genießen”

Ausgabe 3/09

Neulich war ein schöner Tag: Ich sah den Wagen eines Sushi-Lieferservice in der Warteschlange beim McDrive. Dazu muss man wissen, dass ich Sushi noch nie was abgewinnen konnte. Ich betrachte es einfach als überteuert, insbesondere wenn man bedenkt, dass das Zeug noch nicht mal gekocht, gebraten oder wie auch immer zubereitet wird. Und es schmeckt tendenziell nach nichts, weswegen es ja zwingend erforderlich ist, sich dabei mit Wasabi die Geschmacksnerven wegzuätzen. Danach merkt man ohnehin nichts mehr.

Mit der Grundhaltung läuft man allerdings Gefahr, in bestimmten Kreisen und Szenen zum Aussätzigen zu werden. Das gilt auch, wenn man sich eher geringschätzig zu den derzeit angesagten Modegewürzen Ingwer, Zitronengras und Kokos äußert, mit denen mittlerweile allen Ernstes auch Bratkartoffeln „verfeinert“ werden, wie es eine Bekannte neulich euphemistisch umschrieb, als sie den gestreiften Speck wegließ. Vor einigen Jahren galt das Gleiche für Fajitas und Burritos, in deren Folge sich plötzlich Avocadocremes und Chilivariationen aller Art auf den Partybüffets fanden. Eine Zeitlang wurde auch Red Snapper regelmäßig mutwillig verkohlt und als Cajun-Küche verkauft und so Anfang der achtziger Jahre waren griechische Spezialitäten angesagt: Keine Feier ohne Moussaka.

Ob einem die angesagte kulinarische Mode mundet war stets unerheblich. Hauptsache man ist und war trendy dabei, weswegen peinlich genau darauf zu achten ist, ob diese Dinge schon im Tiefkühlfach des örtlichen Supermarktes – Abteilung Neuheit/Fertiggericht – angekommen sind. Dann ist es nämlich vorbei mit dem kulinarischen Trend und was Neues muss her.

Gute Kandidaten für die Zukunft sind vermutlich Kakao-Variationen. Schokolade mit Chili oder Süßkartoffeln wurde ja schon gesichtet bzw. ist in bestimmten Kreisen auch schon fast wieder verpönt. Mal gucken, wann der Schritt zur obligatorischen Schokoladensoße am Rind erfolgt, womit man wieder in Mittelamerika wäre. Eine echte Herausforderung für den heimischen Herd ist ja diese Molekularküche von der alle reden, ohne sie jemals gegessen zu haben.

Ich allerdings warte auf de Renaissance von Kartoffelsalat und Würstchen. Und ob jemand tatsächlich kochen kann, mache ich daran fest, das er oder sie eine hausgemachte Frikadelle hinkriegt, gerne mit kreativen Neuerungen, aber ohne Ingwer und Zitronengras. Da bleib ich konservativ.

„Unsere Eltern sind ja älter und ziemlich provinziell
rohen Fisch mit kaltem Reis und Algen tun die doch in den Müll“

Rainald Grebe

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