Selbstbetrug
6. April 2009 | Von ttm | Rubrik: GeogeschäfteManche Geschichten dauern einfach. Vor rund acht Jahren habe ich diesen Beitrag über den Verkauf der Internetfirma Ision geschrieben. Sie war ein Teil von Distefora, einem Unternehmen hinter dem der Falk-Verlagserbe Alexander Falk stand.
Mir waren die Patentfaltung dieser Pläne immer suspekt und das habe ich bruchlos auch auf den Firmenerben übertragen. In dem alten Beitrag meine ich, auch heute noch eine etwas distanziert, spöttische Grundhaltung zum Gegenstand des Artikels zu erkennen, obwohl mein damaliger Chefredakteur einen ziemlichen Ehrgeiz entwickelt hatte, derartige Tonlagen konsequent zu eliminieren. Aber unabhängig davon muss ich mir den Vorwurf machen, seinerzeit zu unkritisch berichtet zu haben. Die Aussagen über die Ision in dem alten Beitrag stammen ohne jede Quellenangabe oder Gegenprüfung allein von Falks Unternehmen. (Nicht dass es irgendein Grundverständnis für Recherche beim Verleger gegeben hätte, aber trotzdem.)
Heute weiß man, dass davon vermutlich nichts gestimmt hat, Falk wurde zu vier Jahren Gefängnis wegen Betrugs verurteilt (wogegen er Revision eingelegt hat) und heute kam mir diese Meldung unter, wonach zivilrechtlich versucht wird, eine Art Rückabwicklung des Geschäfts durchzusetzen. Das hieße, Falk müßte rund 800 Millionen Euro zahlen, den seinerzeitgen Kaufpreis.
Ich habe auch noch eine zweite Erinnerung an diesen ganzen Börsenhype 2000/2001. Das ist ein Interview mit Bodo Schnabel, Vorstansdvorsitzender der Comroad AG. Geführt wurde das Gespräch nur vier Monate vor Schnabels Verhaftung und seinem (mehr oder weniger) Eingeständnis, weite Teile der Bilanzen seines Unternehmen gefälscht zu haben, weswegen ich gut anderthalb Jahre später dieses Interview mit einem Experten für Aktienrecht machen konnte. Da saß Schnabel bereits in Haft.
In meiner Erinnerung kam er ehrlich rüber. Das heißt, ich habe Schnabel abgenommen, dass er glaubt, was er mir erzählt. Aktien gekauft hätte (und habe) ich von seinem Laden aber nicht. Irgendwie war mir dieses ganze Telematik-Gedöns etwas suspekt. Ich habe einfach nicht verstanden, wie man damit Geld verdienen will und bin bis heute nicht bereit, für Navigationsdienste etwas zu bezahlen. Bei Geschäften und Investitionen bin ich grundsätzlich einfach gestrickt: Wenn ich nichts zahlen will, wollen Andere es vielleicht auch nicht und schon hat sichs mit dem Geschäft und deswegen: Finger weg. (Ich bin dann immer etwas erstaunt, wie sich mit völlig unnützen Dingen trotzdem Geld verdienen lässt und welche hochgradig sinnvollen Dinge floppen.) Andererseits: Auf die Idee, mal gezielt nachzufragen, ob diese chinesische Firma, mit der über 90 Prozent des Umsatzes gemacht wurde, überhaupt existierte, kam ich auch nicht.
Ein erfolgreicher Betrüger muss von der Wahrheit seiner Lüge überzeugt sein, heißt es. Schnabel ist ja noch heute der Meinung, eigentlich ganz erfolgreiche Geschäfte gemacht zu haben, hat sich dem Zugriff der deutschen Justiz aber trotzdem entzogen. Das nenne ich nützlichen, sehr selektiven Selbstbetrug.