Abi 09: Nur ein Blick zurück..
20. Juni 2009 | Von ttm | Rubrik: MoralapostelIch weiß nicht, Abschlussfeiern zur Vergabe der Abiturzeugnisse sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Andererseits ist meine empirische Stichprobe dazu vielleicht auch etwas klein. Sie besteht lediglich aus meiner eigenen Abifeier vor 21 Jahren und der heute beigewohnten meines Sohnes. Vor diesem Hintergrund sollte ich vielleicht nicht grundsätzlich werden…
Und im Prinzip kann ich den Unterschied zwischen beiden Feiern auch sehr kurz beschreiben. Meine eigene Feier blickte vor allem nach vorn, die heutige vor allem nach hinten. Praktisch heißt das: Im Jahr 1988 kreisten alle Redebeiträge vom Direktor bis zum Schülervertreter um die Frage, ob das frisch erworbene und mit dem Abiturzeugnis dokumentierte Wissen denn auch ausreicht, um künftig im Leben zu bestehen. Hat uns die Schule ausreichend vorbereitet? Was erwartet und künftig? Das waren die Kernfragen, zu denen Lehrer und Schüler naturgemäß verschiedene Antworten fanden.
Während unser damaliger Direktor also die Gelegenheit nutzte, noch einmal die vielleicht nicht ewige, aber doch grundsätzliche Gültigkeit humanistischer Bildungsideale hervorzuheben und uns zu versichern, dass wir damit alles notwendige Rüstzeug erworben haben, monierten die Schüler die Kurzsichtigkeit der Lehrpläne und die geistige Stagnation vieler Mitglieder des Lehrkörpers (Leerkörpers, haha), die sich bisweilen an Hand des mitkopierten Datums von Arbeitszetteln aus dem eigenen Lehramtsstudium relativ exakt datieren ließ. Da wurden Unterschiede zwischen den Generationen, zwischen Lehrer und Schülern sichtbar und hervorgehoben.
Und was musste ich heute erleben? Da wird eine Generation inmitten der größten Wirtschaftskrise aus der Schule entlassen, wir erleben eine Neujustierung der Frage von Grundrechten auf der einen und Sicherheitsbedürfnissen auf der anderen Seite und kein Wort über die Frage, ob oder wie die Schule auf diese Welt im rasanten Wandel vorbereitet. Weder verteidigt (oder positiver: wirbt) ein Direktor (für) seine Bildungsvorstellungen oder meintewegen die seines Kultusministers, noch äußert ein Schüler nur die Andeutung einer Kritik an den in 13 Jahren durchgekauten Stoffen. Die Abifeier als Ort der Reflexion oder gar der Abrechnung? Fehlanzeige.
Stattdessen blickten Schüler und Lehrer auf die Schuljahre zurück, reihten Anekdötchen an Anekdötchen und verloren sich in Danksagungen an Freunde, Familie und Vertrauenslehrer (Sic !). Ja, die Schülersprecher dankten der Lehrerschaft ernsthaft und ohne jede Ironie, wie wunderbar sie einen auf das Abitur vorbereitet hat. Der Bildungsabschluss als Selbstzweck. Inhalte interessieren nicht. Wurde man auch aufs Leben vorbereitet? Keiner fragte, niemand antwortete.
Die gesellschaftliche Realität des Jahres 2009 hat den Weg in diese Schulaula heute morgen jedenfalls nicht gefunden.
… et mutamur in illis
Ist das dem humanistisch vorbelasteten Vater in den letzten 13 Jahren nicht schon aufgefallen oder wollte er Schule 2.0 einfach nicht wahrhaben/-nehmen?
fragt sich ernsthaft
Paul
Bei uns mußte der Vorsitzende der Jungen Union einen Text von Enzensberger vorlesen, weil er nicht 1.0 Abi geschafft hat. War eine Wette zwischen den Linken und Rechten in der Schule. Der Schülersprecher hat dann mit den angepassten und faulen Lehrern (Schröder hatte recht) abgerechnet und der Rektor hat mich gelobt, weil ich grade aus einer Nachtschicht kam. War peinlich. Stimmte aber. Dann haben Alle viel diskutiert und sich gezankt und abends hat man sich mit Allen so richtig schön voll laufen lassen. Dann gings zur Mädelsschule (Wir waren ein HumGym für Jungen) und wir haben die spießige Abiturfeier der Mädels in ein Desaster verwandelt. Rausgeflogen (mit den Lehrern) und dann weiter bis zum Morgengrauen gesoffen. Wir waren auch alle auf der Demo in Bonn „Petting statt Persching“ und haben damals die Teilnahme am Papstbesuch aus ethischen Gründen verweigert. War eine geile Zeit. Heute ist die Schule nur noch angstmachen um angepasste BWL Fuzzies zu züchten. Von daher. Normale Standardveranstaltung. Nicht aufregen. Hoffe der Sohn geht nicht zur Bundeswehr. Das ist schlimmer als eine langweilige Abi Feier. Übrigens, dann ist ja TTM so ca. mit 23 zum ersten Mal Vater geworden. Respekt. Da genoss ich noch die Vielweiberei.
Dass sich die Zeiten und mit Ihnen die Menschen ändern ist ja eine Binse. Die Frage, ob der Schulstoff jeweils dazu passt, bleibt aber immer aktuell. Und wundern, dass sich die Schüler spätestens im Rückblick diese Frage nicht stellen, wird man sich dürfen. Ich blogge übrigens nicht jedesmal, wenn mich etwas an der nächste Generation wundert. Wäre darüberhinaus noch verwunderlicher, wenn mich der Blick auf die kommenden Nachfahren nicht wundern würde.
“Non scholae sed vitae discimus” scheint schon lange nicht mehr zu gelten…
Und wo macht da das feiern nach einer anstrengenden Prüfung noch Spaß, wenn Sie nicht mal mehr antrengend war?