Intergeo 2009 – ein Bilanzversuch

27. September 2009 | Von ttm | Rubrik: Geogeschäfte

Seitdem in den Wettervorhersagen die Temperaturen gefühlt anstatt gemessen werden, kann man ja auch Besucherzahlen fühlen. Und die gefühlte Besucherzahl der jüngsten Intergeo in Karlsruhe lag eindeutig niedriger als in den Jahren zuvor. Die Veranstalter halten tapfer dagegen. Nein, nein, die Besucherzahl sei sogar gestiegen, man habe gerade die Ergebnisse der Kassen erhalten, jawohl, 16.000 Fachbesucher, rund 1000 mehr als in Bremen 2008.

Das sei alles Psychologie, heißt es weiter. Große Hallen , breite Gänge, wenig Gedränge gleich gesunkene Besucherwahrnehmung. Mehrere kleine Hallen, etwas engere Gänge, gleich steigender Besuchereindruck. Hmja, okay, vielleicht, aber ist das eigentlich entscheidend?

Der Blick von Außen mag helfen, stellvertretend vorgenommen von Dr. Carl Reed, Chief Technology Officer (CTO) des Open Geospatial Consortium, der erstmals die Messe besuchte und vollkommen begeistert war. „Eine solche Veranstaltung gibt es in den ganzen USA nicht, weder in ihrer Größe noch in der Breite der Themen.“ In den Staaten werden stattdessen kleine Süppchen der zahlreichen Anwender gekocht. Da treffen sich die Leitungsspezialisten, die Vermesser, die Umweltleute usw. Jede Anwenderbranche habe ihr GIS-Meeting. Ein übergeordnetes Gesamtbild unter dem Stichwort „Geospatial“ fände sich dagegen nirgendwo.

Nun könnte man das für ein vergiftetes Lob halten. Man trifft sich auf der Intergeo also groß und mit breiter Themenpalette und sehr schönem Überblick von bis, aber leider ohne Anwender. Vielleicht ist die eine große Messe ja schön für die Optik, aber schlecht fürs Geschäft, dass die Amis wie immer besser beherrschen…

Mir erklärt dieser Hintergrund der atomisierten US-GIS-Szene jedenfalls die in meinen Ohren zunächst merkwürdig erscheinende Frage von Jeff Thursten von Vector One bei der Eröffnungs-PK, was denn die Intergeo-Aussteller unter „geospatial“ verständen. Eine Frage, die offenbar darauf abzielte, die Breite der Veranstaltung auszuloten und mal zu gucken, wie weit sich das traditonelle Vermessertreffen Intergeo denn für andere Themen (und Aussteller und Besucher) öffne.

Dr. Hartmut Rosengarten (Z/I Imaging), gab als Vorsitzender des Intergeo-Ausstellerbeirates darauf eine m.E. ziemlich intelligente Antwort. Er stellte eine allgemeine Prozesskette in den Mittelpunkt, die bei der Datenerhebung begann und über Datenspeicherung, -analyse, -aufbereitung und -präsentation schließlich bei der eigentlichen Anwenderlösung endete. Entlang dieser Prozesskette seien die Aussteller angesiedelt und je weiter man sich der Endanwendung näher, desto weniger würden es und – zugegeben – entsprechende Endanwender als Besucher finde man hier gar nicht. Anstatt also Anwenderbranchen aufzuzählen, die mehr oder weniger stark vertreten sind, gab Rosengarten eine technische Definition der Intergeo, die sich an dem orientiert, an welcher Stelle des Gebrauchs von Geodaten sich Aussteller und Besucher aufhalten. Und je weiter vorn in der Kette man sei, desto eher mache man auf der Intergeo auch sein Geschäft.

Das trifft es ziemlich gut, auch mit Blick auf den Charakter von Geoinformatik als Querschnitttechnologie. Und das erklärt auch die Vielzahl der kleinen und mittelständischen Unternehmen, die sich irgendwie mit Geodaten beschäftigen. Entlang der Kette gibt es nämlich auch noch eine Vielzahl von Stadien, in denen sich Anbieter und Kunden befinden. Während die einen überlegen, wie man denn seine Papierkarten jetzt doch mal in die digitale Welt überführt, denken andere bereist über standardkonforme und webbasierte Dienstearchitekturen für geobasierte Sensordaten nach. Das passiert völlig gleichzeitig, auch wenn dazwischen gefühlte drei Jahrzehnte GIS-Entwicklung liegen. Und natürlich wird dabei auch eine Reihe von zum Teil völlig isolierten Lösungen auf den Markt gebracht, die bei genau einem Kunden gut funktionieren. Das ist volkswirtschaftlich natürlich extrem sinnlos.

Aber das sichert das Überleben der Branche. In der Gesamtsituation ist dieses bunt-chaotisch Nebeneinander der Entwicklungen und Standorte entlang der von Rosengarten skizzierten Prozesskette nämlich ein sicherer Schutz vor technischen Monokulturen, wie sie in anderen Bereichen der Informatik existieren. Wenige große Anbieter, die ihre Standards de facto am Markt durchdrücken können, sind für den Anwender eher von Nachteil, als eine gewisse Unübersichtlichkeit und die Mühe, den richtigen Dienstleister unter den vielen kleinen Anbietern ausfindig zu machen. Und natürlich ist das Bemühen um Interoperabilität unter diesen Rahmenbedingungen ungemein anstrengend, langsam und zäh.

Aber für die Intergeo ist die bisweilen sinnlose Vielfalt nicht von Nachteil. Und sei es nur, um US-Besucher zu beeindrucken.

Schreiben Sie doch einen Kommentar

*
To prove you're a person (not a spam script), type the security word shown in the picture. Click on the picture to hear an audio file of the word.
Click to hear an audio file of the anti-spam word