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    Wozu Geologen und Geographen?    

    22

    Oktober
    2009

    Der Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler (den ich bislang auch noch nicht kannte) fordert handlungsfähige Geo-Behörden.

    “Es erhebt sich  die Frage, ob Katastrophenereignisse wie in Köln (Einsturz des Stadtarchives), Staufen (Hebung der gesamten Altstadt) oder Kamen (Einsturz eines Wohnhauses durch Erdwärmebohrung) durch eine profitunabhängige Beratung und fachliche Begleitung durch geowissenschaftliche Fachbehörden hätten verhindert werden können. „Gerade die Fachbehörden, die Baumaßnahmen im Untergrund überwachen sollen, wurden jedoch zerschlagen oder teilweise handlungsunfähig gemacht“ bemängelt BDG Vorsitzende Ulrike Mattig. „In den Fachbehörden ist nicht nur die fachliche Kompetenz gebündelt, hier werden auch wichtige Daten gesammelt und aufbereitet – diese sind unerlässliche Grundlage aller Planungen und Arbeiten“.

    Inwieweit ein Berufsverband hier Unfälle und Unglücke für eigene Lobby-Zwecke instrumentalisiert, um offenbar schwindenede Berufsfelder zu erhalten, vermag ich nicht zu beurteilen. (Für Köln bezweifle ich einfach pauschal, das eine wie auch immer personell ausgestattete Fachbehörde den Einsturz des Stadtarchivs verhindert hätte. Die dortige Stadtverwaltung ist nämlich generell nicht sonderlich handlungsfähig – aber das ist ein anderes Thema.)

    Vielleicht hat der BDG in der Sache sogar Recht und ganz bestimmt werden in den entsprechenden geologischen Ämtern fleißg Daten gesammelt und aufbereitet. Nur wurden (und werden) diese in der Öffentlichkeit eben noch immer viel zu sehr, wie eine geheime Verschlussache behandelt. Ich erinneren mich noch sehr gut an den Präsidenten eines geologischen Landesamtes, der auf einer öffentlichen Veranstaltung, wiederholt betonte, dass er die Daten seines Amtes natürlich nicht einfach so zur Verfügung stellen könnte, schließlich brauche es zur Interpretation Fachkenntnisse, die allein die Mitarbeiter seiner Behörde besäßen. Das ist eine Haltung, die wenig mit der Ausstattung der Behörde, aber viel mit dem Selbstverständnis von Geowissenschaftlern zu tun  hat, die immer noch am liebsten im Elfenbeinturm der reinen Lehre residieren.

    So gesehen ist auch die Webseite des BDG interessant. Einfache alphabetische Auflistungen der Mitglieder macht es zum Beispiel schwer, in der eigenen Region nach Ansprechpartnern zu recherchieren. Dabei sollte für einen gewissenschaftlchen Berufsverband eine kartographische Darstellung tendenziell selbstverständlich sein.  Aber was soll man erwarten, wenn man sich für Informationen zu Berufsbildern oder für eine Zusammenstellung der geowissenschafltlichen Institute und Studiengänge in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits registrieren  bzw. Verbandsmitglied sein muss, um Zugriff zu erhalten?  Ich hätte diese Infos gar nicht für so exklusiv gehalten. Erinnert mich irgendwie an den oben erwähnten Behördenchef. Motto: Man kann ja Informationen nicht einfach so rausgeben, nachher machen die Leute noch etwas damit.

    Könnte es sein, dass die Geowissenschaftler mit ihrem Grundverständnis öffentlicher Kommunikation ihr Scherflein dazu beitragen, Stück für Stück an Gestaltungsmöglichkeiten zu verlieren?

    Vor fast 20 Jahren forderte der französiche Geograph Yves Lacoste von den Geographen, sich auf ihre “raison d’être”, ihre gesellschaftliche Funktion zu besinnen.

    “Lange Zeit haben es die im akademischen Bereich tätigen Geographen abgelehnt, sich mit politischen Probleme zu befassen, da diese, so die implizite Begründung, nicht “geographisch” seien. (…) Die Verbannung des Politischen durch die universitären Geographen hat für die Entwicklung dieser Wissenschaft aber schwerwiegende Konsequenzen gehabt: Der wissenschaftliche Duskurs wurde zunehmend akademischer und zweckfreier und die Rolle der Geographen immer undefinierbarer und zwar nicht nur in den Augen der Spezialisten anderer Diszipinen, sondern auch in denen der politischen Entscheidungsträger.”

    Dabei sei den Geographen als Spezialisten für die Herstellung von Landkarten jahrhundertelang größe Bedeutung begemessen worden, von den Herrschenden ebenso wie von den Kaufleuten. Erst die universitäre Geographie und ihre seit dem Ende des 19  Jahrhunderts wachsende Beschränkung darauf, vor allem Erdkundelehrer auszubilden (also konsequente Selbstbefruchtung), habe zum Bedeutungsverlust beigetragen.  An ihre Stelle sind nach Lacoste die Ökonomen als wichtigste Ratgeber der Regierenden getreten. Es komme deshalb darauf an, den Geographen wieder auf das Terrain des Politischen zurück zu führen. Aus dem Elfenbeinturm heraus, möchte man hinzufügen.

    Und was für die Geographen gilt, gilt analog sicher auch für Geowissenschaftler, die ihr Selbstverständnis ebenfalls überprüfen sollten. Dass das Primat des Ökonomischen ihnen jetzt die verbliebenen behördlichen Nischen streicht (wie der BDG meint) ist vor diesem historischen Hintergrund natürlich eine besondere Ironie.


    2 Kommentare über Wozu Geologen und Geographen?

    1. Thomas sagt:

      innerliches Kopfnicken

      Sehr guter Artikel. :)

    2. Mr. X sagt:

      Subjektive Wahrnehmung der letzten Jahre: die Geographen scheinen die Kehrtwende ganz gut in den Griff bekommen zu haben. Wir werden zunehmend nicht mehr als Lehrer, sondern, ähm… als unverzichtbar wahrgenommen ;-)

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