• Da steckt einer dahinter:

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    74 KiIometer Leitungen verschwunden    

    5

    November
    2009
    5 November, 2009 von in Wissen für Jauch Antworten

    Die Energieversorgung Weser Ems (EWE AG) hat 74,2 Kilometer ihres Leitunsgnetzes verloren. Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst oder sie waren vielleicht auch nicht vorhanden. Realität ist eben nicht einfach da, sondern eine Konstruktion des Gehirns, in diesem Fall des elektronischen Gedächtnisses des Netzmanagements. Die haben ihre Leitungsdokumentation seit August diesen Jahres von Gauß-Krüger Koordinaten auf UTM/ETRS89 umgestellt. Und im Zuge der Datentransformation hat sich das Leitungsnetz um besagte 74,2 Kilometer verkürzt. Das sind zwar lediglich 0,04 Prozent der Gesamt-Netzlänger aber immerhin doch die Strecke von Bonn nach Düsseldorf.

    Jetzt könnte man natürlich einwerfen, der Schwund sei nicht real, sondern eher rechnerischer Natur, das aber stimmt nur bedingt. Denn einfach umrechnen kann man die Koordinaten der Systeme nicht. Es gibt dafür keine einheitliche Formel. Der wesentliche Unterschied zwischen Gauß-Krüger und ETRS89 ist nämlich, dass den Systemen zu Grunde liegende Modell des Erdballs, sprich: der Rotationsellipsoid. Das ist einmal das Modell nach Bessel und dann die Modellierung  GRS80. Ohne auf die Details einzugehen kann man sagen, dass sich dadurch Koordinaten abhängig von ihrem Standort unterschiedlich stark verschieben, wenn man sie von einem in das andere Bezugssystem umrechnet, oder anders ausgedrückt: Für jede Koordinate müsste zunächst eine exakt zutreffende individuelle Umrechnungsformel ermittelt werden, bevor umgerechnet werden könnte.

    Das ist natürlich extrem unpraktikabel, weswegen man sich in Deutschland erstens lange um die seit 1995 beschlossene Umstellung der Systeme herumdrückt und zweitens einmal getätigte Umstellungen auch nicht so einfach wieder rückgängig zu machen sind. Um hier annähernd hohe Genauigkeiten zu erreichen operieren die Geodäten daher mit einem Netz genau umgerechneter Passpunkte, für die dann jeweils die Formeln vorliegen. Das ist ein relativ dichtes Netz, in Niedersachen etwa 40.000 Punkte, und wer Daten zu transferieren hat,  nutzt für seine Koordinaten einfach die Formel des nächstgelegenen Passpunktes, die dadurch annähernd genaue, aber eben keine völlig exakten Ergebnisse liefert. So können schon mal 74,2 Kilometer Leitungen verschwinden.

    Aber das ist natürlich Ansichtssache. Hätte man immer nur in ETRS89 gearbeitet und müsste nun auf Gauß-Krüger umstellen, würden plötzlich und unerwartet 74,2 Kilometer Leitungen wie aus dem Nichts auftauchen. Die Frage ist also: Wie lang ist das EWE Leitungsnetz wirklich? Man wird das vermutlich ähnlich beantworten müssen, wie die Frage nach der Länge der Küste von Großbritannien. Denkt man darüber so vertieft nach wie Benoit Mandelbrot, kann die Antwort nur “Unendlich lang” lauten.

    An die Konsequenzen für die Netzentgelte für die Durchleitung darf man dabei aber besser nicht denken.

    UPDATE:  6. November, 12:18
    Soeben erreichte mich ein Anruf der EWE. Dort scheint man gewisse Probleme damit zu haben, obigen Beitrag als kleine, launige Glosse zu betrachten. Stattdessen fielen so Vokabeln wie “aus dem Zusammenhang gerissen”, “reißerische Überschrift” sowie “Löschung” und “Rechtsabteilung”. Mein Hinweis auf die Kommentarfunktion oder das Recht auf Gegendarstellung, soweit die Inhalte überhaupt gegendarstellungsfähig sind, vermochte nicht zu überzeugen. Ich bin außerdem etwas ratlos, welche Rechtsverstöße vorliegen sollen, denn nur dann wäre eine Löschung notwendig. Ich habe daher um möglichst schriftliche Aufklärung gebeten. Reißerische Überschriften (wenn sie das denn ist) sind meines Wissens hierzulande jedenfalls erlaubt. Mal gucken…

    UPDATE:  6. November, 14:06
    Um nur mal kurz die Dimensionen dieses Beitrags zu verdeutlichen: Bislang verzeichnet er exakt 54 Leser ohne meine Person. Wieviel davon Mitarbeiter der EWE sind, kann ich nicht sagen.


    15 Kommentare über 74 KiIometer Leitungen verschwunden

    1. ttm sagt:

      Ich liebe Einwürfe aus der Praxis. Da kann meist keine Glosse mithalten.

    2. geometer sagt:

      Hi Mädels,
      bin grade voller Interesse über diesen thread gestolpert. Echt klasse. Ein Haufen Fachleute hier und jetzt noch einer mehr. Ich habe 6 Jahre GIS Erfahrung in Kundenprojekten und weitere 8 Jahre SAP Erfahrung in der Beratung. Glaubt Ihr wirklich 0,04% Netzlänge würden irgendjemand interessieren – Glosse hin oder her? Ihr wisst doch auch wie die Wirklichkeit aussieht !?
      Der Fragenkatalog für die Bundesnetzagentur wird doch überall gleich beantwortet:
      - Netzlänge aus GIS …: verdammt: paßt nicht
      - Netzlänge aus ERP…: verdammt paßt nicht
      - beide Netzlängen in EXCEL(!) ausspielen, dort verwurschteln, gemäß eigener Schätzung ändern und fertig
      Jeder der glaubt es würde anders funktionieren ist auf dem Holzweg !!!!!!!!!!!!!!
      Glaube keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast ;-)

    3. Pingback Jahresrückblick 2009 - Geografitti - nicht nur Geografisches

    4. Geoalphaman sagt:

      Klar. Erst mal Stimmung machen und dann ist es einen Tag später eine Glosse und alle Anderen sind zu blöd das zu begreifen. Ihr Journalisten habe es doch so einfach. Es ist kein Blog sondern ein Block. Und Tschüss Fachmann.

    5. ttm sagt:

      “mit Halbwissen untersetzte Recherche” …ich halts nicht aus !!!
      Wenn man tatsächlich intellektuell damit überfordert ist, eine Glosse als solche zu erkennen, insbesondere wenn es noch im Kommentar dabei steht, sollte man in der Tat dieses Blog nicht mehr lesen. Aber Vorsicht, auch woanders stehen ähnliche Glossen, sogar auf die Gefahr hin, dass jemand (Lehrer? Geoalphamänner?) jetzt S-Bahn Fahrten von Algier nach Paris plant.
      Guckts Du: http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/ausland/mont-blanc-der-berg-waechst-und-schrumpft–22115645.html

    6. Stichling sagt:

      Das mit dem Kürzen ist doch Quatsch. Die tatsächliche Länge ist doch unabhängig vom GIS – Nachweis. Habe ich aber oben auch schon beschrieben. SAP weiß zwar viel, aber manchmal braucht man trotzdem Fachleute!
      Im Übrigen wäre das keine Kürzung, sondern ein ein Aufschlag von 0,04 % da ja das Netz länger ist, als angegeben. Das wird aber wohl keiner machen.
      Was auch dabei deutlich wird ist, dass es immer darum geht Daten auch zu interpretieren und nicht einfach nur in SAP rein zu hauen. Bei einer genauen Recherche des Netzbetreibers würde das dann auch auffallen. Dafür müsste der Geoalphaman auch den Fachmann hinzuziehen….. Es sei denn, dass er selber Fachmann für alles ist.
      Im Ganzen stellt sich hier natürlich die Frage: Wonach die Entgelte berechnet werden, wenn die Längen nicht mehr einfach “mal eben” aus dem GIS gezogen werden können. Das werden die Fachleute im Unternehmen allerdings mit Sicherheit bereits ausgetüftelt haben und entsprechend sachgerecht anwenden.

    7. Geoalphaman sagt:

      Sorry, da sieht man aber mal wieder, was nicht reflektierte oder besser gesagt mit Halbwissen untersetzte Recherche bedeutet:
      „An die Konsequenzen für die Netzentgelte für die Durchleitung darf man dabei aber besser nicht denken“.
      Das liest jetzt so ein wildgewordener Lehrer oder Journalist und er kürzt dann seine Stromrechnung um 0,04 %. So was tun die. Das sind dann 1-2 Cent aber das ist dieser rechthaberischen Kaste egal. Dann machen die das publik und sagen wir mal 1000-2000 Personen machen das. Pro Vorgang kostest das intern 50-100 € beim Versorger. Damit ist es Vorstandsthema. Ich kann die EWE verstehen dass die sauer sind.
      EVU´s kennen jeden Millimeter ihres Netzes, weil es im SAP PM abgebildet ist. Nicht im GIS. GIS ist nicht das führende System bei einem EVU. Das weiss jeder, der sich mit Geodaten und EVU´s beschäftigt. Anscheinend nicht die, die darüber berichten. Hat was von Bildzeitung. Zitat aus dem Zusammenhang reißen und dann Schlüsse ziehen und sich dann dahinter verstecken, das man ja nur zitiert hat und das alles darf, weil man ist ja der bessere Mensch, der Journalist. Was man damit anrichten kann, darüber wird nicht reflektiert. Mir ist dieser Block jetzt fachlich einfach zu Niveaulos geworden.

    8. ttm sagt:

      In der Tat: die entsprechende Folie des Vortrags spricht von “GIS-Netzlänge”. Übrigens, wenn die besagten 74,2 Kilomter 0,04 Prozent der Gesamtlänge entsprechen, haut 18.500 Kilometer Gesamtlänge nicht hin. Es sind 188.824.278 Millonen Kilometer Leitungen im GIS (nach der Umstellung). Ich habs aber nicht nachgrechnet.
      Ausführliche Infos hier: http://tinyurl.com/ykhzsz6 (PDF, Folie 40) – Nebenbei: Soviel zum Thema Informationsbeschaffung auf unlauteren Wegen…

    9. Geoalphaman sagt:

      Das sind die Themen die die Welt bewegen. Diskussionen von Vermessern für Vermesser. Freunde der Millimeterfraktion. Die wissen doch genau wie lang ihr Netzt ist, weil das im SAP steht. Und, wenn es wirklich ein wichtiges Thema wäre, welchen Zylinder man wo bei der Bewertung von Unternehmen einsetzt, dann hätte das SAP schon im Datenmodell. Zum Glück wird SAP das nie machen. Aus Sicht der Geodäten sind die 74 Km weg. Aus Sicht der Wirtschaft nicht. Wer hat das sagen? Leider noch die amtlichen Geodäten beim verhindern von Wirtschaft.

    10. Stichling sagt:

      Zu Mr. X:
      Schnittzylinder!
      Der Link gibt die UTM-Abbildung an:
      http://vermessung.bayern.de/file/pdf/1228/UTM-AbbildungundUTM-Koordinaten.pdf
      bei einer Maßstabsreduzierung von 40cm/je Kilometer wären das bei 74 km fehlendem Stromnetz ca. 18500 km Gesamtnetz? Stimmt das?

    11. ttm sagt:

      @Nurso: Problematisch? Dummes Zeug. Der Weg einer Information zum Journalisten ist für die rechtliche Bewertung einer Berichterstattung grundsätzlich unerheblich. Selbst Straftaten auf diesem Weg (etwa ein Einbruch) sind zwar als solche justizabel, aber nicht eine daraus resultierende Berichterstatunng über Themen des öffentlichen Interesses. Anders sieht das aus, wenn die Privatsphäre berührt wird, die nach ständiger Rechtsprechung nur unter bestimmten Umständen Gegenstand einer Berichterstattung sein darf. Abe davon kann ja hier keine Rede sein. Im Übrigen: Die Info stammt aus einem Vortrag auf einer öffentlichen Veranstaltung, bei der ich ordnungsemäß als Journalist akkreditiert war.

    12. N. Nurso sagt:

      … zur Rechtslage: Es kommt drauf an, woher die Information stammt bzw. wie man an die Information gekommen ist. Es könnte in der Tat problematisch werden …

    13. Mr. X sagt:

      “Das hängt mit der geometrischen Projektion zusammen. (Schnittzylinder), während dies bei den alten Gauß-Krüger-Koordinaten eine andere Abbildung war”

      Anliegender Zylinder, oder?

    14. Stichling sagt:

      Das wird bei der Umstellung noch des Öfteren auftauchen. Jedoch sind die Leitungen in der Realität gar nicht verschwunden, sondern sie tauchen nur maßstabsreduziert wieder auf. Bei der örtlichen Ermittlung der Leitungslängen ist das tatsächliche Maß entscheidend und nicht die UTM-Koordinate. Diese Koordinate dient anderen Zwecken, als der Bestimmung der Gesamtlänge.
      Des Rätsels Lösung ist ganz einfach:
      Bei der Umstellung auf UTM gibt es einen Maßstabsfaktor zu berücksichtigen. Deshalb sind auch Koordinaten nicht mehr einfach nur nach dem im der Schule gelernten Prinzip umrechenbar.
      Das hängt mit der geometrischen Projektion zusammen. (Schnittzylinder), während dies bei den alten Gauß-Krüger-Koordinaten eine andere Abbildung war.

    15. Mr. X sagt:

      “Wieviel davon Mitarbeiter der EWE sind, kann ich nicht sagen.”

      Zumindest einer nicht ;-)

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