Interview mir mir, dem digital Naiven (oder so)
9. November 2009 | Von ttm | Rubrik: SelbstgesprächeIch dachte, was andere können, kann ich auch und habe mir folgendes Selbstgespräch einfach mal geklaut. (Die Fragen stammen ursprünglich von Anja Assion und wurden zuerst von Felix modifiziert.)
Hallo Timo, deine Generation wird als „Digital Natives” bezeichnet. Sagt dir dieser Begriff etwas?
Lustige Frage. Ich dachte, ich gehöre zur Genration Golf obwohl ich das immer für ein komplett unpraktisches Auto gehalten habe. Wenn damit gemeint ist, ich sei mit Computern aufgewachsen, ist das auch falsch. Mein erster Rechner war ein Amiga500 und da war ich schon über 20 und insofern habe ich die Möglichkeiten des Geräts ziemlich langsam entdeckt. Das war einfach eine bessere Schreibmaschine, bei der man kein Tipp-Ex brauchte. Internet gabs nicht und ich weiß noch, dass ich wochenlang gerätselt habe, was die in der Beschreibung mit „Menue“ meinen. Ich habe das nicht gefunden und finde die Bezeichnung heute noch blöd. Für mich ist das die Steuerung.
Du bist 42 Jahre alt und hast natürlich auch einen eigenen Computer. Seit wann besitzt du ihn und musst nicht mehr den Familien-PC benutzen?
Habe ich ja schon erzählt und einen Familien PC gabs nicht. Ich war der erste in der Familie, der sich so ein Gerät zugelegt hat.
Wo bewegst du dich denn im Internet? Hast du eine eigene Homepage bzw. einen Blog?
Ich bewege mich gar nicht, sondern mach das meist im Sitzen. Im Ernst: Mit mobilen Netzzugängen bin ich nie warm geworden. Ein Laptop ist das höchste der Gefühle. Eigene Homepage und Blog habe ich, seitdem es notwendig war, nämlich als ich mich selbstständig gemacht habe. Ich bin da relativ leidenschaftslos.
Und wie schaut bei dir ein normaler Tag – in Bezug auf das Internet – aus? Kannst du deinen Tagesablauf beschreiben, also wie oft du am Tag E-Mails, Facebook- oder Twitter-Mitteilungen checkst?
Siehst Du. Da ist schon die Leidenschaftslosigkeit. Ich hebe weder einen Twitteraccount, noch bin ich bei Facebook. Höchstens ein XING-Profil kann ich anbieten. Oh, ich muss mal los und Mittagessen kochen. Es ist ja schon Viertel nach Zwölf.
— ca. 70 Minuten später —
So, da bin ich wieder. Wo waren wir?
Du sollten Deinen Tagesablauf mit dem Internet beschreiben…
Achja, genau. Wie gesehen, mach ich mittags immer was zu essen, manchmal mit Kochrezepten aus dem Internet. Da gibt es zum Beispiel die Rezeptsammlng der Unix-AG der Uni Kaiserslautern – extrem spartanisch, eher Web 0.2 als 2.0, aber man kann ein paar Zutaten eintippseln und erhält Rezepte dafür. Das war einer der ersten Sachen im Netz für mich. Ansonsten sitze ich tagsüber einfach am Schreibtisch, mache meine Arbeit, bin extrem nachrichtensüchtig und kontrolliere alle zehn Minuten meine E-Mails. Blogs lese ich relativ wenige, die aber sehr regelmäßig und ich folge häufig den dort gesetzten Links. Mein Handy ist dafür vier Jahre alt, ich gehe so gut wie nie damit ins Internet – ich wüsste nicht mal genau wie – und ich finde SMS schon wahnsinnig umständlich. Ich verschicke nie welche. Wenn ich unterwegs meine Mails lesen soll, nehm ich mein Laptop und brauch schon irgendwo ein WLAN.
Welche Rolle spielt das Internet auf der Arbeit? Habt ihr auf der Arbeit Computer mit Internetzugang und lernt ihr gezielt mit dem Internet zu arbeiten, also beispielsweise darin zu recherchieren? Und werdet/wurdet ihr auf der Arbeit von euren Vorgesetzten darüber aufgeklärt, was ihr im Internet dürft und was nicht?
Ich darf alles, weil ich ja mein eigener Chef bin. Aber ich sehe manchmal bei Kunden, mit welchen Amputationen und Restriktionen dort der Netzzugang verbunden ist. Grauenhaft. Was meine Arbeit selbst betrifft muss man sagen, ohne Netz gäbe es meinen Job in dieser Form gar nicht.
Einige Gerichte haben entschieden, dass Eltern haften und Schadensersatz bezahlen müssen, wenn ihre Kinder im Internet das Recht verletzen. Denn Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren können in vielen Fällen noch nicht belangt werden. Beaufsichtigst du deine Kinder, wenn sie im Internet sind? Und hast du deine Kinder über „richtiges Verhalten” im Internet geredet?
Ich habe ja das Glück, dass mein Sohn inzwischen volljährig ist und insofern betrifft mich das Theme nicht mehr. Als Elternteil war ich in dieser Hinsicht sowieso extrem streng. Den eigenen Fernseher gabs erst zur Konfirmation, den Rechner mit fast 17. Weiß ich auch nicht, wie ich as durchsetzen konnte. Mein Sohn war einfach nicht sonderlich interessiert und weil ich selber erst so spät angefangen habe, hatte ich nie die Panik, oh Gott, mein Sohn kann mit den Computerfreaks nicht mithalten und wird nie einen Job finden. Alles Quatsch. Ich sag immer, diejeniegen, die die Computer erfunden haben, hatten ja als Kind auch keinen. Ich glaubge sogar, die Revolution frisst mal wieder ihre Kinder: Der allzu frühe Umgang mit dem Computer verhindert eigentlich, dass man all jene Fähigkeiten ausbildet, die man braucht um kreativ und kritisch mit dem Teil umzugehen. Ich halte deswegen auch Computer in Schulen oder sogar Kindergärten für Blödsinn.
Was verstehst du persönlich – unabhängig von der Meinung deiner Kollegen, Freunde oder anderen – unter „richtigem Verhalten” im Netz?
Naja, vor allem nur relativ überlegt private Dinge über mich frei zugeben. Ich habe zum Beispiel in fast vier Jahren geblogge noch nicht einmal den Namen meiner Frau oder meines Sohnes erwähnt. In den ersten zwei Jahren, nicht mal, dass es diese Personen überhaupt gibt.
Beziehst du Musik und Filme aus dem Internet? Kostet das Herunterladen dann etwas und machst du das auch schonmal illegal?
Ich weiß gar nicht, wann ich die Filme alle gucken sollte. Ich schaffe ja kaum mein Fernsehwunschprogramm. Und auch bei Musik bin ich relativ wählerisch. Ich habe zum Beispiel nicht einfach meine CD-Sammlung gerippt, sondern nur ausgewählte Songs. Deswegen ist meine iTunes-Sammlung mit knapp 3000 Musikstücken auch eher klein. Ich sehe da im Bekanntenkreis echte Daten-Messies. Ich kaufe Musik ausschließlich legal, kümmere mich aber keinen Deut um irgendwelche Kopierschutzgeschichten. Bis jetzt habe ich noch alles kopiert bekommen, was ich wollte. Als Kind der Schallplattenära sehe ich gekaufte Musi auch einfach als mir gehörend an. Die Idee, ich erwerbe nicht die Musik, sondern ein wie auch immer beschränktes Nutzungsrecht daran, halte ich für absurd.
Hast du eine Vorstellung, warum das Kopieren von Musik und Filmen im Internet in vielen Fällen nicht erlaubt ist? Findest du es richtig, dass das Hoch- und Herunterladen in den meisten Fällen nicht erlaubt ist?
Wie gesagt, ich kaufe ja ordnungsgemäß meine Sachen, selbst wenn ich sie irgendwo für lau herunterladen könnte. Aber mit dem Kauf verbindet sich dann auch ein großes Besitzgefühl, dass sich nicht vorschreiben lässt, was man damit tun darf und was nicht. Insofern bin ich da ambivalent.
Sollte man deiner Meinung nach alles, was im Internet verfügbar ist, auch frei nutzen dürfen? Oder kannst du auch die Urheber verstehen, die das nicht möchten?
Klar, nur kenne ich kaum Urheber, sonder ausschließlich Verlage und Verwertungsorganisationen aller Art, die den Urhebern umfangreiche Nutzungsrechte billig abpressen und dann im Namen des Urheberrechts durch die Lande ziehen und ihren Untergang herbeireden. Das ist eine durch und durch verlogene Veranstaltung. Das Konzept, als Musiker oder Autor Geld zu verdienen, ohne beständig Musik machen oder vorlesen zu müssen, ist mit den kapitalintensiven Vervielfältigungstechniken entstanden und wird über kurz oder lang mit den kapitalarmen Vervielfältigungstechniken von heute auch wieder verschwinden. Wir erleben gerade den Umbruch mit allen Opfern und Gewinnern, die das eben so mit sich bringt.
Du hast erzählt, dass du ein Profil bei XING hast. Wie stellst du dich dort selber dar? Wer darf sich alles dein Profil anschauen?
Das ist natürlich ein klares Business-Profil. Wer ich bin, was ich anbiete und so. Und anschauen darf jeder, soll auch jeder. Das ist Werbung.
Hast du das Gefühl, dass du dich zu anderen im Internet anders, vielleicht offener und direkter verhältst, als wenn sie in natura vor dir stehen?
Nö, aber manchmal beim Lesen des einen oder anderen Kommentars in meinem Blog, denke ich, dass es anderen so geht.
Ein bekannter Wissenschaftler hat einmal gesagt: „Das Internet vergisst nie.” Was meinst du, hat er damit gemeint?
Vermutlich die Eigendynamik des Netzes. Aber Nachrichten ließen sich schon immer schlecht einfangen, wenn sie erst mal veröffentlicht waren. Wenn das anders wäre, könnten wir heute das 20. Jubiläum des Mauerfalls nicht feiern
. Das Problem ist heute allenfalls die Schlagzahl, mit der sich jeder Furz verbreiten kann. Die Ansprüche an die Medienkompetenz jedes Einzelnen ist gestiegen. Und da hat Medienkompetenz wenig mit Computern und viel mit Allgemeinbildung und einem Gefühl für Prioritäten zu tun. Was Journalisten früher exklusiv für sich beanspruchten, nämlich Wichtiges und Unwichtiges unterscheiden zu können, muss heute jeder für sich können. Unkomplizierter ist die Welt dadurch allerdings nicht geworden. Ich empfehle immer mal wieder Scheuklappen als wichtiges Ordnungsinstrument. Ganz ernsthaft.
Hast du dir schonmal Gedanken darüber gemacht, dass dein Arbeitgeber dich vor dem Bewerbungsgespräch googelt und dabei peinliche Fotos von dir findet?
Die Gnade der frühen Geburt hat bislang dafür gesorgt, dass meine peinlichen Jugendbilder alle in schwarz-weiß und auf Papier vorliegen, gut vergraben in einem Karton im Keller. Außerdem habe ich immer die Fotos gemacht. Und da es noch keine Kamerahndys gab, als ich 17 war, erschien ich dadurch sehr selten auf den Fetenbildern. Aber mal ganz ehrlich: Wer will denn bei so einem Arbeitgeber arbeiten?
Die „Generation Internet”, der du ja angehörst, unterscheidet sich auch deshalb von früheren Generationen, weil es für sie ganz normal ist, Kontakte übers Internet zu knüpfen. Wahrscheinlich hast du auch schon Leute übers Internet kennengelernt. Wie kam es zu den Kontakten und habt ihr euch auch in der „realen Welt” schon einmal getroffen?
Es sind zwei Communitys, die bisweilen den Sprung in mein reales Leben schaffen: XING und Geocaching. Ersteres ist ja ein bisschen formalisiert bei offiziellen Businesstreffen, auch wen man natürlich als Person erscheint. Und beim Geocaching vermeide ich inzwischen treffen mit anderen Cachern, den so genannten Event-Caches. Ich habe festgestellt, dass das gemeinsame Interesse für ein merkwürdiges Hobby für dauerhafte Beziehungen nicht ausreicht. Ich habe einfach einen Freundeskreis, der völlig ausreichend ist und der komplett aus meinem nicht-digitalen Leben stammt. Vermutlich bin ich der falsche für diese Frage.
Hattest du vor solchen Treffen Angst, dass sich in Wirklichkeit ganz andere Personen hinter den Profilen verbergen als du erwartet hast?
Ich habe keine Erwartungen also auch keine Angst. Ich Zweifelsfall überwiegt immer meine Negier und enttäuschen könne mich ja nur Leute, die ich lange kenne.
Du bist erstaunlich gut über Problemfelder im Internet und Verhaltensregeln informiert. Woher hast du dein Wissen, wenn du es nicht in der Schule oder von deinen Eltern gelernt hast?
Ausgeprägte Lebenserfahrung?
Timo, herzlichen Dank für das Gespräch!
Ich rede immer gern mit mir.
Nachtrag 13.01.10:
Seit rund drei Wochen habe ich jetzt ein neues Handy und einen Twitter Account. So langsam wirds doch warm mit dem mobilen Netzzugang – QWERTZ-Tastatur heißt da für mich die Killer-Applikation. Aber auch das zeigt nur, dass ich so ein Gerät im Grunde immer noch als bessere Schreibmaschine betrachte..seufz.
[...] kein Digital Native und die anderen Interviews Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6. var prxPlaceId = 1818; var prxPlaceTitle = "Interview mit einem “Digital [...]
[...] gedacht, das kann man per Selbstgespräch eigentlich fortführen, so Felix, DonDahlmann, Sven, Tim, Christian und vor kurzem auch Helge. Die Fragen haben sich dabei z.T. leicht geändert, und so dachte ich, [...]