Salat – 70er Ausgabe

16. November 2009 | Von ttm | Rubrik: Kulinary

Thalmann kocht, ißt und schreibt – die Textkoch-Kolumne in “Kulinary – Kochen, Reisen und Genießen” – Es gibt sie nach rund einem Jahr und fünf Heften nicht mehr.

Das liegt am unten stehenden Text, der jüngsten, schon nicht mehr gedruckten Ausgabe meiner Kolumne. Zu politisch für eine Koch- und Lifestylezeitschrift (!) oder auch schwulenfeindlich (!), in jedem Fall gehe das so nicht mit Westerwelle, war in etwa die Rückmeldung des Verlags. Ich solle das ändern. Wollte ich aber nicht. Qualitätsdiskussionen hätte ich mir ja jederzeit gefallen lassen, unlustige Glossen sind schließlich auch nicht in meinem Sinne.  Aber auf unqualifizierte, oberflächliche Politcal Correctness reagiere ich mittlerweile allergisch.

Urteilen Sie selbst:

Mein Lieblings-Imbiss ist zu Gunsten einer Tapas Bar verschwunden. Keine gute Entwicklung. Der Imbiss war ein 70er Jahre Veteran und ich meine die echten 70er Jahre, nicht diese Disneyland-Version in den Lavalampen-Lounges mit Latte Macchiato für 5,20 Euro vor dem Laptop. Für die Currywurst warb man dort ohne jede Ironie mit dem unveränderten Rezept von 1973. Und dann war da noch dieser Kartoffelsalat. Auch er echte 70er Jahre: Grob, ungeschliffen und mit dezentem Bouquet für Feingeister vom Schlage eines Charles Bronson – nix für die urbane Bohéme, die jetzt dort Artischocken jongliert.

In der Konsistenz kennt der Imbiss-Gourmet zwei entgegengesetzte Pole des Kartoffelsalats. Die nahezu flüssige Version, ausschließlich aus Mayonaise und Kartoffeln bestehend, die eine unwiderrufliche, puddingartige chemische Verbindung eingegangen sind einerseits. Und auf dem anderen Ende der Skala die tendenziell festere, aber in sich lockere Version mit allem, was denkbar scheint: Ei, Gurke, Wurst, Speck, Paprika, Erbsen usw. in veränderlichen Gewichtsanteilen und Zusammensetzungen. Beide Salatentwürfe können einen bestechenden Charme entwickeln. Die Krönung ist allerdings eine kaum vorstellbare Melange dieser scheinbar unvereinbaren Konzepte. Eine sehr, sehr feste Version mit allem, die es gleichwohl versteht, das Geheimnis ihrer Ingredienzen zu wahren.

So war dieser Salat. Jeder Gast konnte dabei zusehen, wie hinter dem Imbisstresen eine Art überdimensionaler Eiskugelmacher in einen Wäschetrog hineinfuhr und mit einem exakt geformten Kartoffelsalat-Klos wieder hervorkam. Der Klos hatte nicht nur die Fähigkeit, sich nach dem Verzehr im Magen erneut zusammen zu formen, er brachte es in genau diesem Aggregatzustand auch auf erstaunlich lange Verweildauern im Verdauungssystem. In dieser Zeit waren die Farben intensiver, die Geräusche klarer, das Leben perlte. Ein Salat der 70er, zubereitet von Frank Bullitt und Sam Packinpah, ein Salat mit allen 16 Gängen eines 1968er Ford Mustang GT 390 Fastback, ein Salat, der allein aus dem Weiß im Auge des Gegners bestand – und das noch Anfang 2009 hier in Deutschland. Wer diesen Klos schaffte war geadelt. Wer für eine zweite Portion wiederkehrte gesegnet. Wer Nachschlag wollte von göttlicher Abstammung oder wenigstens Steve McQueen. Ein Kartoffelsalat für existenzielle Grunderfahrungen.

Und jetzt? Es ist Herbst 2009. Westerwelle regiert. Warme und kalte Tapas zum Weinchen sowie jeden Tag Happy Hour von 18 bis 20 Uhr.

Ich werde die Kolumne einfach hier fortsetzen. Radikale Küchenpostillen dürfen sich bei Interesse jederzeit melden.

4 Kommentare
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  1. Ähm, kappier ich nich- wo genau lag deren Problem?? Etwa bei Satz “Westerwelle regiert. Warme und kalte Tapas zum Weinchen sowie jeden Tag Happy Hour von 18 bis 20 Uhr.” ??

    Tss.

  2. Jepp, angeblich schwulenfeindlich….

  3. Das einzig Inkorrekte darin ist die Huldigung eines Autos aus den 60ern, das kein ABS hatte.

  4. Mein Gott. Homophobie ist definitiv ein ernstes Problem in unserer Gesellschaft, aber klingt wirklich ein bisschen an den Haaren herbeigezogen.

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