Nichts sagen ist großartig. Es ist eine wunderbare Strategie, um schwierige Situation des Alltags souverän zu bewältigen. Wer nichts sagt, gibt seinem Gegenüber stets auf geheimnisvolle Weise das Gefühl, verstanden und geliebt zu werden. Noch mehr: Nur wer nichts sagt, verschafft seinen Mitmenschen eine wirklich gute Zeit. Achten Sie mal darauf: Fast immer ist derjenige, der die meiste Zeit geredet hat, der Auffassung, man habe doch eine gute Unterhaltung geführt. Nichts sagen bedeutet deshalb, seinem gegenüber Freiheit zu verschaffen, sich angenommen zu fühlen.
Und dieses Gefühl kommt zu dem Nichtssagenden zurück. Wer nichts sagt, gilt auch selbst als verständnisvoll und intelligent, weil er seinem Gegenüber eben genau diese Gefühl verschafft: verstanden zu werden. In Hal Ashbys Film „Willkommen Mr. Chance“ sagt die Hauptfigur meistens nichts oder gibt lediglich kurze, einfache Weisheiten aus der der Welt der Botanik zum Besten. Mit dieser Strategie bringt Mr. Chance es bis zum Berater des US-Präsidenten.
In einem Interview ist nichts sagen gar die schärfste Waffe des Befragers. Denn nicht scharfes nachhaken – das berühmte „kritische Hinterfragen“ – verlockt den Interviewten dazu, unwillentlich etwas preiszugeben, dass er eigentlich nicht erzählen wollte, schon gar nicht der Presse. Wer so fragt, produziert nur Fanfaren, die jedem Befragten weit im voraus die schwierigene Passagen der Unterhaltung ankündigen.
Wer aber nach einer Antwort nichts sagt, nur verständnisvoll guckt, produziert eine Gesprächslücke, ein schweigendes Schlagloch im ewigen medialen Redefluss, dass die meisten Befragten sofort mit weiterer Rede ausbessern möchten. Und schon erzählen sie scheinbar ungefragt die Dinge, die sich doch besser ungesagt gelassen hätten. Im Schweigeloch ertrunken. Gleichwohl, sie verlassen das Interview dennoch mit dem guten Gefühl, endlich mal einen feinsinnigen Geist unter all diesen Schreiberlingen angetroffen zu haben.
Bemerkt habe ich diesen Zusammenhang eher zufällig, als meine Gedanken einst inmitten eines Interviews in die Ferne streiften, das Mittagessen von morgen kalkulieren wollten oder das Muster der Schwämmchentechnik im Supermarktklo noch einmal Revue passieren ließen. Auf der Gesprächsaufnahme offenbarten sich mir die Lücken meiner Reaktion auf das Gesagte und wie sie vom Interviewten freundlicherweise mit allerlei nie nachgefragten Fakten aufgefüllt wurden.
Interessant.
Die erweiterte Dimension, auf diese Weise auch noch das Fluidum des verständigen Mitmenschen zu erlangen, offenbarte sich indes erst später, im privaten Kreis, als ich mich einst aus einer Unterhaltung geistig weitgehend ausklinkte, allenfalls suefzend nickte und alsbald nette E-Mails erhielt, dass gerade der gestrige Abend von seltener Nähe geprägt gewesen sei und wohliges Verstandensein quoll mir aus dem seinerzeit noch genutzten Outlook entgegen.
Seitdem setze ich nichts sagen gezielt ein und verstehe mich mit den meisten Menschen persönlich sehr gut – was angesichts des ein oder anderen Blog-Eintrag verwundern mag, aber hier plappere ich halt andauernd, zumindest wirkt es so. Noch mehr als ein Ironiezeichen, fände ich daher ein Schweigezeichen in der Schriftsprache hilfreich. Zwischen zwei Absätzen, könnte es zeigen, wie lange der Schreibende bei all seinem Mitteilungsbedüfnis auch einfach nichts gesagt hat. Das könnte manch Forumsdiskussion entkrampfen, meine ich.
Der Rest ist Schweigen.
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