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    StreetView: Realität und ihr digitaler Nachbau    

    16

    August
    2010

    Stellt man die Frage, warum Google StreetView derzeit (erneut) der Aufreger ist, kann man sich mit einer Reihe oberflächlicher Antworten begnügen: Weil Google derzeit ohnehin gerade in der Kritik steht. Weil viele Kritiker keine Ahnung haben. Weil die um sich greifende, allgegenwärtige öffentliche und private Datennsammelwut hier für jedermann beispielhaft sichtbar wird. Weil der deutsche Michel das Internet irgendwie bedrohlich findet oder eine hübsche Melange all dieser Dinge.

    Offensichtliche und sachlich eindeutige Verstöße gegen die Regelungen des Datenschutzes sind es jedenfalls nicht. Es bedarf schon einiger juristischer Klimmzüge und kreativer Gesetzesexegese um einen Verstoß gegen die bestehenden Regelungen herzuleiten. Das ist eine Expertendiskussion, dessen feine argumentative Verästelungen kaum eine öffentliche Rolle spielen.

    Was bleibt, ist ein unspezifisches Unbehagen à la „Die können doch nicht einfach..“ Und natürlich kann man aus diesem Unbehagen ganz legitime Forderungen und Vorhaben speisen, die Gesetze so zu verändern, dass StreetView in seiner jetzigen Form nicht mehr möglich wäre. Ob dass der Sache gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt, ebenso die Frage, ob man mit nachträglichen Änderungen der Gesetzeslage, die bereits im Vertrauen auf die bestehenden Gesetze getätigten unternehmerische Investition von Google entschädigungsfrei wertlos machen kann. Goldene Zeiten für Juristen.

    Es lohnt sich daher vielleicht, dieses Unbehagen näher zu betrachten und den Versuch einer Einordnung vorzunehmen. Die Diskussion um StreetView fällt ja nicht plötzlich vom Himmel. Seit einigen Jahren ist eine anschwellende öffentliche und mediale Wahrnehmung des äußerst umfangreichen Themenkomplexes „Datenschutz“ zu beobachten. Die Stichworte dazu lauten Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung, bekannt gewordene, eindeutig unberechtigte Datennutzungen bei Unternehmen von Telekom bis Lidl, aufbereitet in Form von „Skandalen“, die zuletzt eben auch bei Facebook (Datenschutzrichtlinien) und Google (WLAN-Netze) eine Rolle spielten. All diese Themen haben ihren Weg bis in Tagesschau und vor ein Millionenpublikum gefunden. Einige weitere (SWIFT, ELENA, Nacktscanner) stehen in der zweiten Reihe. Und Themen wie „Gesundheitskarte“ sind noch kaum bekannt.

    Jedes einzelner dieser Stichworte berührt jeweils einen anderen datenschutzrechtlichen Zusammenhang. Manches hat sich als schlicht verfassungswidrig herausgestellt, manches sind technische Pannen und daraus resultierende Verstöße gegen das Datenschutzgesetz, anderes berührt Staatsverständnis und Menschenbild, ist aber mutmaßlich noch kein Verstoß gegen die Verfassung. Allein: die differenzierte Wahrnehmung der Einzelthemen findet außerhalb der Expertenzirkel nicht statt. Im politisch-gesellschaftlichen Raum amalgamiert (- das Wort wollte ich schon immer mal benutzen! – ) als das zu dieser „Die-können-doch-doch-nicht-einfach-Mischung.“

    Dabei verwischen sich in der Wahrnehmung des „Die“ die Rollen von Tätern und Opfer vollständig, denn beispielsweise stimmten zahlreiche Abgeordnete des Bundestages der verfassungswidrigen Sammlung von Telefonverbindungsdaten zu, die jetzt als Bürger ihr Wohnhaus nicht in StreetView sehen möchten, wobei in StreetView ja lediglich das Haus, aber nicht der Hausbewohner erkennbar ist – aber über die fehlende Differenzierung sprach ich ja schon. Gleichwohl ist das lediglich eine hübsche ironische Fußnote. Entscheidend ist das im Gesamt-Ergebnis entstehende Unbehagen über „die“. Und das sind wahlweise die Regierung, Facebook oder eben Google, „die“ alle irgendwie Daten sammeln. Das ist im Detail all der datenschutzrechtlichen Zusammenhänge eben schwer fassbar, aber im Fall von StreetView so wunderbar einfach zu erkennen. So offensichtlich für jedermann. StreetView kapiert wirklich jeder. StreetView ist kein abstraktes Datum über mich, sondern ein Bild von dort, wo ich täglich lebe. Öffentlich im Netz, für jederman, weltweit. Die können doch nicht einfach…

    Ebenso offensichtlich ist aber auch das der Empörung zu Grunde liegende Missverständnis. Es ist ein Bild – ein Bild. Ein Bild des Hauses von irgendwann. Es ist wie jedes Foto ein Stückchen eingefrorene Zeit, ein Ausschnitt aus dem Strom des Lebens. Im Grunde ein winziger Aussschnitt. In der Diskussion wird dagegen häufig so getan, als ob StreetView die Realität weitgehend flächendeckend widergibt. Das tut der Dienst nicht. StreetView modelliert die Realität. Jemand brachte in diesem Zusammenhang den Begriff der digitalen Öffentlichkeit auf, die Google dadurch herstellt – keine schlechte Beschreibung. Vor allem, weil sie darauf verweist, dass Google seine digitale Nachmodellierung der Realität öffentlich zugänglich machen will. (Die Vorstellung, sich dieser digitalen Öffentlichkeit verweigern zu können ist übrigens eher putzig, wenngleich einfach zu realisieren. Es genügt völlig, auch sonst keine sichtbaren Einflüsse im öffentlichem Raum zu hinterlassen…)

    Die digitale Modellierung der Realität ist zugleich der Begriff, unter dem sich vieles beschreiben lässt, was derzeit geschieht und der Teil des Unbehagens ist. Auch Facebook will Realität modellieren, wenn es die sozialen Kontakte und Beziehungen von Menschen nachzeichnet. Auch SWIFT, ELENA oder die angestrebte Vorratsdatenspeicherung haben das Ziel, einen Ausschnitt der Realität nachzuzeichnen. Es geht allerdings in keinem der Vorhaben um einen konkreten Ausschnitt, sondern stets um die Gesamtmodellierung eines übergeordneten Zusammenhangs – aus dem sich im Bedarfsfall der konkrete Ausschnitt entnehmen lässt. Anders als die Realität erlaubt ihre digitale Modellierung die schnelle und einfache Recherche. Das ist natürlich Ziel und Zweck der Veranstaltung und dieser Aspekt sorgt für einen nicht unerheblichen Teil des Unbehagens. In der Befürchtung mit StreetView könne sich nun auch allerlei lichtscheues Gesindel schnell, bequem und problemlos lohnenswerte Objekte für Eigentumsdelikte aller Art herauspicken, kommt dies erkennbar zum Ausdruck.

    Übersehen wird dabei allerdings der Preis, der für jede Modellierung der Realität zu zahlen ist. Das ist die Reduktion der Komplexität. In der Kartographie kennt man dies unter dem Begriff der Generalisierung. Und auch wenn StreetView einen anderen Eindruck macht: Die Realität entzieht sich in ihrer Komplexität bislang jedem Versuch der vollständigen digitalen Modellierung. Professionelle Einbrecher werden das Objekt ihrer Begierde deshalb zuvor immer selbst in Augenschein nehmen und sich nicht mit Aufnahmen begnügen, die nicht die für Einbrüche besonders interessante Rückseite des Gebäudes erkennen lassen. Auch die Frage, ob Hunde ein Haus bewachen oder ob eine Alarmanlage installiert und wie sie beschaffen ist, wird StreetView kaum beantworten. Auch StreetView bleibt ein generalisiertes Modell der dynamischen Wirklichkeit.

    Die reduzierte Komplexität der digitalen Modellierung ist indes eine zweischneidige Angelegenheit. Sie gilt nicht nur für StreetView, sie gilt auch für Facebook und die Vorratsdatenspeicherung. Hier kann das fehlende Bewusstsein, dass die Daten eben nicht die Wirklichkeit zeigen, genau wie beim StreetView-gesteuerten Einbrecher zu konsequenzreichen Fehlentscheidungen führen. Die Diskussion um das Thema Datenschutz muss daher endlich ein Bewusstsein für die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Nachbaus der Realität entwickeln und die daraus erwachsenen Gefahren und Chancen benennen. Im Falle von StreetView wird dagegen gut sichtbar, wie sowohl Gegner wie Befürworter beständig Realität und ihre digitale Modellierung verwechseln.


    4 Kommentare über StreetView: Realität und ihr digitaler Nachbau

    1. Stichling sagt:

      Die ganze Diskussion zeigt, dass wir bisher nur von der emotionalen Seite an das Thema rangehen.
      Wenn ganze Städte für ihren städtischen Grundbesitz “mal eben” Widerspruch einlegen (Altona), dann zeigt das doch, dass hier verkannt wird, welchen Mehrwert ein solcher Dienst auch leisten kann. Hier gäbe es die Möglichkeit kostenlos die städtischen Gebäude zu zeigen und dem Bürger eine zusätzliche Info zu geben! – Ohne Steuergelder oder staatliche Zuschüsse! –
      Es wird sich zeigen, ob gerade die gepixelten Gebäude und Grundstücke in Zukunft das Interesse wecken. Was steckt dahinter? Weshalb soll hier etwas nicht gezeigt werden? Dann wird es schnell eine Internetcommunity geben, die diese Daten einzeln erfasst und wieder ins Netz stellt.
      Auch wird sich der Mieter, der Streß mit seinem Vermieter hat noch schnell die Wohnung löschen lassen, bevor er auszieht, damit sein Vermieter die Wohnung nicht so schnell vermietet bekommt…..
      Wenn das Bundesdatenschutzgesetz geändert werden soll, so gilt es dies mit Bedacht zu tun und die Fachleute der Geoinformationsbranche nicht zu überhören! Denn schließlich liegen die Mehrwerte für die gesamte Wirtschaft auf der Hand.

    2. Silvana sagt:

      Ich sehe Street View nicht kritisch entgegen, denn bald kann ich somit bereits die Straße betrachten, in der eine Wohnung frei ist, für die ich mich interessiere. Vor der Verletzung meiner Privatasphäre habe ich keine Angst.

    3. ttm sagt:

      Alles zu seiner Zeit. Was gründliche deutsche Juristen sind, die arbeiten sich erstmal von obenn an die kleinen Fische heran: http://tinyurl.com/36q8vd3

    4. Interessant finde ich, das die Debatte über StreetView immer wieder hochgekocht wird, andere Dienste (z.B. Sightwalk), die z.T. seit Jahren Vergleichbares anbieten, von dieser Diskussion weitgehend unbehelligt bleiben.

      Bei den Meisten fängt das Internet ja immer noch mit der Startseite des Datenkraken an.

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