Beim gelangweilten Durchblättern eines Schallplattenkartons auf dem Flohmarkt konnte ich nicht anders, als die verlangten 2,50 Euro für diese Devotionalie zu investieren: “Solidarität geht weiter” – Musik zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Ost-Berlin. Schon der Titelsong ist ein Meisterstück der Propagande-Liedkunst der DDR. Zur Melodie von “The Battle Hymn of the Republic” (auch gern nach dem Refrain Glory, glory Halleluja genannt) die Zeilen: “Die Solidarität geht weiter (mehrmals wiederholt) ..mit dem Volk von Vietnam.” Das sind so viel doppelbödige Musik/Text Bezüge zwischen Orginal und DDR-Adaption drin, das es eine wahre Freude ist.
Es gibt zu diesen Weltfestspielen einen Dokumentarfilm “Wer die Erde liebt“, den ich im Rahmen meines Politologiestudiums gründlich analysieren durfte und der mich überhaupt auf diese pop-kulturellen Aspekte der DDR-Propagande stieß. Seitdem habe ich zu dem damit zusammenhängende sehr speziellen, zumeist unfreiwillig komischen Liedgut eine spezielle Beziehung. Ich empfinde es auf einer bestimmten Meta-Ebenen als extrem unterhaltsam. Man köntnte auch sagen, es ist häufig so schlecht, dass es schon wieder gut ist. Einen ganz wunderbaren Eindruck dazu gibt einem das auch auf meiner frisch erworbenen Amiga-Scheibe (12,10 Ostmark Neupreis seinerzeit) vertretenen Stück “Frieden -Freundschaft – Solidarität”. Eine fröhlich, folkige Klatsch-Kindermelodie, versehen mit einem Text voller sozialistisch langer Vielsilben-Kunstwörter, bei denen der Sänger erkennbar Mühe hat, sie in das Versmaß der Melodie zu bringen. Inhaltlich ist das insgesamt auf dem Niveau..ach, was schreib ich lang, einfach mal hören, wunderbar bebildert mit Fotos dieser Weltfestspiele:
Ich denke, damit ist die Richtung klar. Ich kann aber nachvollziehen, wenn das vor dem Hintregrund der realen DDR nicht jeder so komisch findet, wie ich. Für ernsthaft diskussionswürdig halte ich zudem den Wikipedia-Eintrag zu dem dafür verantwortlichen Komponisten (Klaus Schneider). Das geht über kritikoses Fan-Niveau nicht hinaus.
Es gibt übrigens in dem besagten Dokumentarfilm (einen längeren Auschnitt des Films habe ebenfalls bei YouTube gefunden. Er macht den quasi religiösen Charakter der Veranstaltung ganz gut sichtbar) eine Stelle, in der DDR-Schlagerstar Frank Schöbel das gleichnamige Lied “Wer die Erde liebt” schmettert (davon gibts leider keinen Ausschnitt). Das ist ebenfalls extrem unterhaltsam, wenn auch tragischerweise nicht so völlig neben der Spur, wie obiges Beispiel.
Aber es gibt Menschen, die die Tradition des DDR-Propagande-Liedgutes in geradezu kongenialer Weise fortsetzen und dabei ganz bewusst an 1973 anknüpfen, nicht nur inhaltlich sondern auch formal hinsichtlich des Versuchs Text und Musik irgendwie in Einklang zu bringen. Dazu zählt offenbar eine Musikgruppe namens Veritas. Das ist angesichts der Zugriffszahlen bei Youtube zwar ein extremes Nischenangebot, sollte dem Interssierten Leser aber nicht vorenthalten werden. Es bietet sich ein Selbstversuch an, ob man das bis zum Schluss durchhält, inklusive der Bilder von der Generalprobe der Massenaufmärsche dieser Weltfestspiele. Viel Vergnügen.

Fremder Senf