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    Intergeo 2010 – Mit Verzögerung    

    26

    Oktober
    2010
    26 Oktober, 2010 von in Der Leitartikel Antworten

    Selten habe ich mich so schwer getan, ein Resümee der Intergeo zu ziehen. Fast drei Wochen sind seit dem Ende der Kongressmesse ins Land gegangen und noch immer fällt mir die Bilanz schwer. Persönlich war es meine elfte Intergeo, das heißt ich habe seit 1999 mit Ausnahme von Berlin in jedem Herbst den jährlichen DVW-Wanderzirkus besucht. Vielleicht tue ich mich auch deshalb so schwer: Die diesjährige Intergeo war eigentlich so, wie die im Vorjahr..und die davor und naja, auch die davor.

    Das kann man natürlich nur als Außenstehender so nonchalant dahinschreiben, als jemand, der dem Diktat des mehr-Besucher-mehr-Aussteller-mehr-Fläche-mehr-Internationalität des Veranstalters nicht unterworfen ist und auch bei keiner Firma arbeitet, die als Aussteller die selbstverständlich nochmals gestiegene Qualität der Fachgespräche zu betonen hat. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt sind das ja auch alles keine Neuigkeiten oder auch nur erwähnenswerte Veränderungen. Das ewige Schneller-höher-weiter, das jährlich wiederkehrenden Messen und Kongressen häufig innewohnt – kommerziellen allemal – ist ein unvermeidliches Ritual und Stillstand gilt schließlich immer noch als Rückschritt.

    Dabei darf man reichlich Stillstand vermuten, wenn einem die aktuelle Messe genauso vorkommt, wie die im Vorjahr und im Jahr davor und überhaupt in allen Vorjahren. Damit meine ich nicht die alljährlich hervorgekramte Kritik, die Intergeo sei traditionell ein Familientreffen der bereits Bekehrten. Denn das wird ja immer wieder von der Veranstaltung verlangt: Neue Märkte ansprechen, neue Anwendergruppen ins Boot zu holen, das Thema Geoinformation einer breiten Masse bekannt zu machen. Ich halte das für dummes Zeug und einen Anspruch, an dem man nur scheitern kann: Zum Ärzte-, Juristen- oder Marketingkongress fahren schließlich auch nur jeweils Ärzte, Juristen und Marketingler, obwohl natürlich weite Teile der Bevölkerung zumindest zweitweise krank sind, gelegentlich einen Anwalt kosultieren oder täglich eine Vielzahl von Marketingbotschaften verarbeiten sollen.

    Dass nur Insider und Experten die Intergeo bevölkern ist also gewissermaßen normal und kein Beleg für Stillstand. Sorgen sollte man sich aber darüber machen, dass diese Experten und Insider seit mehreren Jahren prinzipiell die immer gleichen Gespräche miteinander führen. Wie lange geht es schon um die leichtere Verfügbarkeit amtlicher Daten? Und seit wann redet man eigentlich über Geodateninfrastrukturen? Ich gebe ja zu, inzwischen so sehr selber Insider geworden zu sein, dass auch ich dazu neige, minimale Neuheiten als sensationell und großartig zu werten. Weil sie das im Detail auch sind. Aber gelegentlich sollte man mal aufs große Ganze schauen. Und wenn nicht auf der Intergeo, wo denn dann?

    Aufgefallen ist mir das während eines Vortrags im OSGeo-Park. Dort wurde das Konzept einer GDI vorgestellt, die sich nicht in erster Linie technisch definiert, sondern den Prinzipien von Social-Media Angeboten folgt. Das Ausgangsproblem wurde knackig auf den Punkt gebracht: Die Definition einer GDI Ist älter, als die Möglichkeiten des Web 2.0.

    Hat man das erstmal gefressen, ergibt sich der Rest eigentlich von allein.

    Die Konsequenzen daraus kann man eigentlich kaum überschätzen. Jenseits alles buzzwordings stehen die Begriffe Web 2.0 und Social Media für die großen Umwälzungen der letzten Jahre. Das Mitmachweb hat an vielen Stellen damit begonnen, die grundsätzlichen gesellschaftlichen Koordinaten zu verschieben, die Zeitungs- und Medienlandschaft nachhaltig umzupflügen, die Politik zu beeinflussen. Es gibt letztlich darauf basierende Initiativen wie das Open Data Network einerseits und eine umfassende Datenschutzdiskussion andererseits. Wie öffentlich sind amtliche Daten, wie öffentlich das Netz? Geodaten sind ein essentieller Bestandteil dieser Entwicklung, wie nicht nur die Aufregung um StreetView gezeigt hat. Just in den Tagen der Intergeo hat Facebook seine Funktion Places gestartet, die theoretisch 500 Millionen Menschen zu wandelnden Datensensoren macht.

    Vor diesem aktuellen Hintergrund lud der Intergeo-Kongress unter anderem zur Diskussion „Think Tank – Gemeinsam für Geoinformation 2015“ – und verlor dabei kaum ein Wort über derartige Entwicklungen. Stattdessen versprach zum Beispiel Klaus Kummer, Präsident des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation Sachsen-Anhalt das, was er in einer von mir geleiteten Diskussionsrunde unter dem programmatischen Titel „Freie Geodaten für jedermann“ schon vor über drei Jahren erzählt hat: Das der Zugang zu den Geodaten doch schon besser geworden sei und künftig noch einfacher werde. Nur dass im Januar 2007 im Gegensatz zu heute „open data“ noch keine Rolle spielte und auch noch keine 50 Millionen iPhones verkauft waren, denn sie wurden erst rund ein Jahr nach der damaligen Talkrunde auf einen Mobilfunkmarkt gebracht, der sich dadurch ziemlich umgekrempelt hat.

    Doch am Vortragsprogramm, in den Diskussison, den Keynotes, der Pressekonferenz auf der Intergeo ist das alles ziemlich spurlos vorbei gegangen. Dabei sollte man meinen, dass hier der Ort ist, solche Entwicklungen zu diskutieren oder doch wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Nochmal zugespitzt: Das Internet verschiebt gerade die Grundkonstanten der Kommunikation, es ändert alle bislang als sicher geltenden Regeln darüber, wie Information erzeugt und weitergegeben wird – und die Experten der Geoinformatik auf dem weltweit größten Branchenevent reden nicht einmal darüber. Da sind sogar die Kongresse der Zeitungsverleger weiter, die zumindest die Entwicklung zur Kenntnis nehmen und so etwas wie Artenschutzrechte Leistungsschutzrechte verlangen.

    Auf dem ersten Wo-Kongress im vorigen Jahr habe ich eine Keynote (PDF) gehört, die das Thema „Geoinformatik und der Rest der (Web-)Welt“ zumindest gestreift hat. Roland M. Wagner, Professer an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin hat die Entwicklungen in der „GIS-Szene“ zwar vornehmlich unter technischen Gesichtspunkten, aber immerhin überhaupt mal in die Gesamtentwicklung der Informationstechnik eingebettet. Seine These: Die Geoinformatik greift die Entwicklungen des IT-Mainstreams zumeist mit mehrjähriger Verzögerung auf – bis zu zehn Jahre später.

    Das war auf der Intergeo 2010 gut sichtbar.


    Ein Kommentar über Intergeo 2010 – Mit Verzögerung

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