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    Das Urheberrecht, die Ökonomie und das Digitale    

    30

    November
    2011
    30 November, 2011 von in Politisches Antworten

    Die Grünen haben auf ihrem jüngsten Parteitag einen Beschluss zum Urheberecht (PDF) gefasst, der zumindest in meiner medial verlängerten Umgebung für reichlich Empörung gesorgt hat. Vor allem die Idee, das Urheberrecht für eine geistige Schöpfung endet automatisch mit dem Tod des Urhebers findet wenig Verständnis. Da wurden viele verarmte Witwen mit kleinen Kindern von früh verstorbenen Kreativen an die Wand gemalt.

    Nun halte ich die Beschlüsse der Grünen nicht für die endgültige Antwort zur Entwicklung des Urheberrechts, aber die verbissene Abwehrhaltung vieler freier Journalisten und Fotografen auf jede Veränderung, die nicht noch mehr neue Schutzrechte bedeutet, sondern im Gegenteil die Nutzung kreativer Leistungen erleichtert, empfinde ich als orthodox. Sie verteidigen ein Urheberecht, das zunehmend seine Berechtigung verliert, weil es auf Rahmenbedingungen beruht, die sich derzeit schnell und massiv verändern. In so einem Fall gibt es ja immer zwei Möglichkeiten: Ich versuche die Veränderung aufzuhalten/rückgängig zu machen oder ich passe mich an.

    Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist das bislang gültige Geschäftsmodell der Verwertung kreativer Leistungen, in Form von Lizenzen, mit denen Nutzungsrechte verteilt werden. Genau das regelt das Urheberrecht in vielen Details. Nur sind Geschäftsmodelle und die ihnen zu Grunde liegenden Gesetze nicht in Stein gemeißelt oder naturgegeben, sondern funktionieren immer vor dem Hintergrund bestimmter ökonomischer Bedingungen. Oder sie funktionieren eben nicht mehr, wenn sich die Bedingungen ändern.

    Das Geschäftsmodell der Vermarktung kreativer Schöpfung durch Lizenzen ist mal gerade gut 100 Jahre alt und eng verbunden mit den Bedingungen industrieller Produktion im 19. und 20. Jahrhundert. Denn dank technischer Massenproduktion war es erstmals in der Geschichte möglich, geistige Leistung in Form stofflicher Kopien massenhaft zu verbreiten und so eine EINMALIGE Leistung MEHRMALS zu verkaufen und sie damit in den Rang eines eigenständig wirtschaftlich vewertbaren Gutes zu erheben. Das „geistige Eigentum“ entstand. Diesen Rang hat geistige Schöpfung aber ausschließlich aufgrund dieser beschriebenen Verwertungsmöglichkeit im Zuge der Industrialisierung und Massenprofuktion.

    In den Jahrhunderten davor mussten Musiker zum Beispiel ihre Musik schon aufführen, um etwas zu verdienen. Eine Trennung von Komponist/Musiker gab es nur selten. Das hat sich im 19. und noch stärker im 20. Jahrhundert verändert, weil die ökonomischen und technischen Rahmenbedingungen es möglich machten, Urheberschaft und Nutzung zu trennen. Im Extremfall führte das zu Musikern, die gar nicht mehr aufgetreten sind, sondern jahrelang im Studio an ihren Platten rumgefeilt haben. Der Verkauf der Kopien ihrer Arbeit als Musiker brachte den Gewinn. Aber das ist ein Sonderfall der Geschichte.

    Zu den ökonomischen Rahmenbedingungen gehört auch, das dieses Geschäftsmodell der Lizenzverwertung einen gehörigen Kapitaleinsatz erforderte. Alle Kopien waren stofflich, mussten hergestellt, transportiert und vertrieben werden. Aus diesem Anlass hat sich eine ganze Verwertungsindustrie aus Verlagen, Plattenfirmen, Bildagenturen usw. gebildet, die den notwendigen Kapitaleinsatz erbrachten. Das konnte nur funktionieren auf der Grundlage einer Trennung von Urheber der sein „geistiges Eigentum“ behält und Verwerter, der Kopien davon herstellt und vertreibt.

    Jetzt verändern sich die ökonomischen Randbedingungen aber erneut. Durch die Digitalisierung des bislang stofflichen Ausdrucks geistiger Schöpfung sinkt der notwendige Kapitaleinsatz für die Produktion rapide, durch das Internet sinken die Vertriebskosten massiv. Geistige Schöpfung, Produktionsmittel und Zugänglichmachung verschmelzen durch die digitalen Werkzeuge zu einem logischen Prozess. Diesen Text zu schreiben, optisch aufzubereiten und zu verbreiten ist eine einzige in sich geschlossene Tätigkeit mit exakt einem Produktionsmittel: Der Rechner vor mir. Die Verwertungsindustrie wird nicht mehr in dem Maße von den Urhebern und vor allen Dingen nicht von den Lesern/ Zuhörern/Betrachtern gebraucht, um Zugang zu geistigen Schöpfungen zu erhalten oder deren Schöpfung zu finanzieren. Selbst das Marketing für ihre Arbeit können die Urheber über die Digitalisierung der Mundpropaganda in den sozialen Netzwerken im Prinzip selbst erledigen. Vor diesem Hintergrund besitzt ein Geschäftsmodell, das hauptsächlich auf dem Verkauf von teuren Kopien beruht, eine stetig sinkende ökonomische Berechtigung. Die Kopie ist entwertet, es zählt das Orginal.

    Für Musiker ist das noch vergleichsweise einfach. Sie können/müssen einfach wieder mehr auftreten. Fotografen und Schreiber haben es da zugegeben schwerer. Aber vielleicht wird nun deutlich, warum viele Schriftsteller vor dem 19. Jahrhundert so wenige Kurzgeschichten und Romane und so viele Theaterstücke geschrieben haben…

    Das Problem bleibt ein Urheberrecht, das auf nicht mehr gültige Produktions- und Verwertunsgbedingungen ausgerichtet ist. Viel stärker noch als die Urheber, bekommt das die Verwertungsindustrie zu spüren. Es ist kein Zufall, dass Zeitungsverlage jetzt ein Leistungsschutzrecht fordern, also die Ausweitung des alten Geschäftsmodells auf immer neue Verwertungsmöglichkeiten. Die Entwicklung und Verwertung kreativer Schöpfungen wird durch immer neue Schutzrechte inzwischen aber eher behindert als wie bislang befördert. Vor dem Hintergrund der beschrieben veränderten Produktions- und Vewertungsbedingungen ist das im übrigen auch keine kluge unternehmerische Strategie, sondern schlicht die Forderung nach Artenschutz.

    Und dieser Forderung schließen sich viele kreativ Schaffende kritiklos an, weil sie die neuen Möglichkeiten eher als Bedrohung und neue Belastung erleben, denn als neue Freiheit. Sie starren auf das Internet und die Digitalisierung, wie die Hersteller von Pferdegeschirren am Anfang des 20. Jahrhunderts auf das neue Automobil. Und dort, wo die Holzsitze sind, sehen sie vor lauter Angst einfach nicht den künftigen Lederbezug.

    Nicht die Grünen entwerten das bisherige das Urheberrecht, sondern die technologischen sowie die daraus erwachsenden ökonomischen Rahmenbedingungen. Ich sage damit nicht, dass die Beschlüsse der Grünen eine gute Antwort auf diese Veränderung sind, aber immerhin realisieren die Grünen, dass es eine Veränderung gibt.

    Auch die Piratenpartei ist weniger Protestpartei, als vielmehr eine Parteigründung, die einen grundlegenden Wandel sichtbar macht: Die Veränderung der Gesellschaft durch die Digitalisierung von Arbeitswelt, Produktion und Lebensalltag und die daraus erwachsenden, sehr handfesten ökonomischen Konflikte. Im 20. Jahrhundert hat sich an der ökologischen Frage eine Partei gegründet, im 19. Jahrhundert war es die Industrialisierung und die daraus erwachsende soziale Frage, die zur Entstehung von Arbeiterparteien führten. Im 18. Jahrhundert hat das Bürgertum im Konflikt mit dem Adel die liberalen Parteien gegründet.

    Willkommen also im ersten gesellschaftlichen Großkonflikt des 21. Jahrhunderts.


    3 Kommentare über Das Urheberrecht, die Ökonomie und das Digitale

    1. Achim sagt:

      Die Berner Übereinkunft regelte das, oder besser die, nationalen Urhebergesetze lediglich international. In den einzelnen Ländern gab es auch voher schon Urhebergesetze, besonders in Frankreich. Das französische Urhberrecht, welches schon ein paar Jahrzehnte eher eine Schutzfrist von 50 Jahren nach dem Tod beinhaltete, wurde von anderen Ländern schon vor der Berner Übereinkunft übernommen. Deutschland gehörte eher zu den letzten Ländern.

      Nichtsdestotrotz ändert dies nichts an der eigentlichen Zielrichtung eines Urheberschutzes, nämlich die bürgerrechtliche Demokratisierung und einer freien Kunst und Kultur.

    2. ttm sagt:

      Ich habe mich in meinen Ausführungen vor allem auf das “Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der Literatur und der Tonkunst” für das Deutsche Reich von 1901 bezogen. Dass ein solches Gsetz nicht vom Himmel fällt und seine Vorläufer hat, ist mir klar. Aber ich denke, frühestens ab der Berner Übereinkunft 1886 kann man von einem Urheberrecht im heutigen Sinne reden, weil darin erstmals eine Schutzfrist bis 50 Jahre nach Tod des Urhebers verbindlich wurde. Und zeitlich fällt die Ausformulierung von Urhebrrechtsgesetzen in Deutschland mit Industrialisierung und Reichsgründung ab 1870 zusammen.

    3. Achim sagt:

      “Das Geschäftsmodell der Vermarktung kreativer Schöpfung durch Lizenzen ist mal gerade gut 100 Jahre alt und eng verbunden mit den Bedingungen industrieller Produktion im 19. und 20. Jahrhundert.”

      Das ist völlig falsch. Das Urheberrecht, in der Form wie es heute existiert, ist eine Errungenschaft der Französischen Revolution und wurde 1791 ertmals als Gesetz in logischer Konsequenz der Bürger-, bzw. Menschenrechte, erlassen.
      Nicht nur jeder Bürger sollte das Recht auf Zugang zur Literatur und Kunst haben, sondern auch sollte auch Kunst und Kultur nicht abhängig vom Mäzenatentum der Reichen und Mächtigen sein, wie es bis zu dem Zeitpunkt nämlich war.
      Allein die Urheber sollen darüber bestimmen wo, von wem und wie Werke genutzt werden können und nicht mehr allein die herrschende Klasse, die eben auch über die Inhalte bestimmt hat. Ohne Urheberrechte gibt es keine freie Kunst, ist sie nicht möglich.

      “In den Jahrhunderten davor mussten Musiker zum Beispiel ihre Musik schon aufführen, um etwas zu verdienen.”

      Nein, auch das ist historisch völlig falsch. Musiker, wie auch Maler, Bildhauer, Architekten, Schreiber, etc., waren Angestellte von Adligen, reichen Kaufleuten oder der Kirche. Sie bekamen ihren Unterhalt von ihren Gönnern, Mäzenen. “Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing” stammt aus dieser Zeit. Es gab keine öffentlichen Theater, Museen, Bibliotheken.

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