Selbstreflexion

10. Dezember 2007 | Von ttm | Rubrik: Moralapostel, Selbstgespräche

Bei sueddeutsche.de kotzt sich der SZ-Feuilletonist Bernd Graff über das Internet im Allgemeinen und Web 2.0 im Besonderen aus. Andererseits singt er das Loblied auf etablierte Medien. Eine der Kerthesen (in his own words):

“Die etablierten Medien verfügen über rigide Aufnahmeverfahren und praktizieren bei journalistischem Fehlverhalten im besten Fall Sanktionierungen. Es darf also eben nicht jeder überall mitschreiben – und der, der schreibt, macht dies nie unbeobachtet und zum Beispiel auf der freien und anonymen Wildbahn der Wikipedia, die so einfach anzuklicken ist und wohl auch deshalb vor Fehlern strotzt. Was aber wiegt dann mehr? Dass das immer elitäre Denken der Mainstream-Medien im Zweifel undemokratisch ist? Oder, dass daraus Qualität entsteht?”

Den durchaus lesenswerten Beitrag kann man eigentlich recht kurz zusammenfassen: Zeitungen sind relevanter als das Internet und im Zweifelsfall stimmt auch das, was drin steht. Das kann im Netz nicht so sein, da dort ja jeder Amateur sanktionslos herumschwadronieren darf. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bei Basic Thinking und Indeskretion Ehrensache finden sich schöne Reaktionen auf diesen Beitrag, weswegen ich gar nicht direkt auf Graffs “Früher-war-alles-besser-Geschwurbel” eingehen will. Aber ich nehme es zum Anlass, etwas zu tun, was Graff komplett unterlassen hat: Bei dieser ganzen Debatte um Internet, Blogs, Medien und die Qualität derselben so etwas wie Selbstreflexion einfließen zu lassen.

Fangen wir mal so an: Bereits mit 17 stand mein Entschluss unumstößlich fest. Ich will Journalist werden. Nach einer Beratung beim Arbeitsamt, in der sich der zuständige Berufsberater als komplett unwissend entpuppte, nahm ich mein Schicksal kurzentschlossen in die eigenen Hände, suchte meine schönsten Schülerzeitungsartikel zusammen und marschierte damit zum Lokalchef der örtlichen Tageszeitung. Bei meinem vierten Besuch brummelte der dann irgendwas von “Können wir ja mal probieren” und so begann eine hoffnungsfrohe Karriere mit all den üblichen Verdächtigen: Gemeinderäte, Hühnerzüchter, Weihnachtsbasarbesucher. Und ganz manchmal war es sogar spannend: Zum Beispiel wenn ein entlassener Kämmerer kopierte Protokolle aus nicht-öffentlichen Sitzungen weitergab, die zeigten wie sich Ratsherren, die zugleich Autohausbesitzer waren, selber großzügige Wirtschaftsförderung gewährten. Meine Karriere als neuer Bob Woodward war unausweichlich.

Was ich sagen will: Es war der ersehnte Traumjob mit klassischer Laufbahn: Freie Mitarbeit, Praktikum, Volontariat, Redakteur und schließlich Chefredakteur einer (kleinen, möglicherweise unbedeutenden, aber immerhin) Fachzeitschrift. Nur dass ich in den über 20 Jahren, in denen ich jetzt professionell (= für Geld) schreibe, zusehen durfte, wie dieser Beruf zumindest in  den etablierten Medien langsam vor die Hunde ging. Und das liegt nicht am Internet oder daran, dass jetzt jeder bloggt und nicht nur eine selbsternannte Elite ihre Texte veröffentlichen darf.

Professionellem Journalismus wurde und wird schlicht die ökonomische Grundlage entzogen.  Die Journalisten selbst haben  sich für die wirtschaftliche Basis ihrer Tätigkeit nie interessiert. Bis heute gibt es hierzulande z.B. keine brauchbare ökonomische Medientheorie. Und es wird gerne gejammert über kaputt gesparte Redaktionen, aber es werden keine neuen Chancen gesucht, zum Beispiel im Internet. Stattdessen gibt es Artikel, die die Relevanz der Holzpresse betonen. Super Strategie gegen den schleichenden Bedeutungsverlust wegen erodierender ökonomischer Basis. In der Schule hieß das am Thema vorbeigeschrieben und war meistens eine Fünf.

Ich persönlich habe es all dem meine Konsequenz gezogen und mich auf den Kern dessen besonnen, was Journalismus tun sollte: Seine Leser informieren. Dass Verleger diese Dienstleistung nicht mehr anständig bezahlen wollen, interessiert mich nicht mehr. Da draußen ist ein Markt für diese Leistung. Es gibt genügend Unternehmen, die dankbar dafür sind, wenn jemand ihre zunehmend komplexer werdenden Dienstleistungen und Produkte dem Publikum verständlich erläutern kann. Und die diese Dankbarkeit auch noch in vernünftige Tagessätze ummünzen.

Was ich höre da, das sei kein (hüstel) unabhängiger Journalismus, sondern PR? Auch aus solchen Vorwürfen spricht nur jammervolle Unkenntnis über die Bedürfnisse von Kunden und Lesern. Ein PR-Mann ist genau so unabhängig vom Auftraggeber wie ein Zeitungsjournalist von seinem Verleger. Letzterer ist nämlich sein Auftraggeber. Und nach meinen bescheidenen Erfahrungen sind Verleger an allem Möglichen interessiert, aber nicht an informierten Lesern. Das ist sozusagen ein Nebeneffekt. In erster Linie gucken Verleger aufs Geld und Leser zu informieren, heisst im Zweifelsfall Geld auszugeben für Recherche. Leser zu informieren ist für Verleger ein Kostenfaktor. Anders die Unternehmen, die gar nichts anderes wollen, als dass ich die Leser so umfassend wie möglich informiere. Sie betrachten Reisekosten oder mein Honorar als notwendige Investition.

Ich informiere dabei einseitig? Nunja, ich informiere genau so einseitig wie jeder Zeitungsjournalist entsprechend dem Profil seine Blattes berichtet, so einseitig, wie jeder Fernsehjournalist entsprechend dem Profil seiner Sendung. Ich fühle mich nicht unfreier, als bei der Zeitung. Eher habe ich größere Freiheiten, weil meine Auftraggeber nicht beständig so tun, als könnten sie meinen Job auch machen. Ich bemühe mich, wie jeder professionelle Schreiber, Tatsachen nicht zu verdrehen und den Fakten auf den Grund zu gehen. Und wer behauptet, er mache dies ohne jedes erkenntnisleitende Interesse, lügt sowieso.

Nun mache ich allerdings auch keine PR für Pharmaunternehmen oder Versicherungen. Es geht nicht um dem Verkauf von Konsum- sondern um erklärungsbedürftige Investitionsgüter. Und ich behaupte, in dieser Nische ist guter Journalismus nicht nur gefragt, sondern er wird sogar anständig bezahlt. Natürlich verliert Journalismus auf dieser Ebene an gesellschaftlicher Relevanz. Aber abgesehen von der narzisstischen Kränkung der Macher ist das unwichtig. Wichtig ist die Frage, wo der öffentliche Diskurs stattfindet, wenn Jourmalismus zur Nichentätigkeit wird. Vielleicht genau an jenen Stellen, über die sich Bernd Graff heute so kraftvoll beklagt.

Schon jetzt fühle ich mich bei vielen Themen durch die Blogosphäre besser informiert, als durch ARD und ZDF von irgendwelchen Privatsendern ganz zu schweigen. Und wenn die Zeitungsmacher weiterhin solche Texte absondern, wie Graff, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie tatsächlich ebenfalls jede Relevanz verloren haben und kein Ort öffentlicher Diskussion mehr sein werden, die schon heute nicht mehr in den Zeitungsspalten stattfindet, sondern in den Kommentarfunktionen vieler Blogs. Das ist nicht zwingend besser, das ist aber auch nicht schlechter, das ist nur anders, als in den letzten 40 Jahren. Und, das sei zugegeben, es ist unübersichtlicher. Aber ist das nicht das Spiegelbild der Welt? Passiert jeden Tag wirklich nicht mehr, als in 15 Minuten Tagesschau hineinpassen. Vielleicht verschwinden Leitmedien, vielleicht gibt es Neue. Leben ist Veränderung. Und darauf kann man immer in zwei Varannten reagieren: Man stellt sich drauf ein oder man beklagt es.

Ein Kommentar
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  1. Zum Thema Einseitigkeit in den (fernseh)-Nachrichten: Man kann das gerne mal im Selbstexperiment machen und mal schauen wie schnell Waldfeuer bei Los Angeles als elementar und saugefährlich gesehen werden, während über den brennenden trop. Regenwald auf Kalimantan seltens berichtet wird..
    Gilt entsprechend auch für alle anderen “Naturkatastrophen”.
    Allerdings gibt es auch was, was Blogs seltens in ausreichender Qualität leisten: gut gemachte Sendungen mit (int. Hintergrund) wie Weltspiegel oder auslandsjournal. Dafür bezahl ich gerne GEZ, für dämliche Abendshows weniger.

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